Freitag, 18. Mai 2012

Verquere Diskussion über #Plagiate und #Akademikerschwemme #schavanplag

Was an Diskussionen über Doktorarbeiten von Politikern und eventuellen Plagiaten und Plagiatsvorwürfen irritiert sind Äußerungen wie folgende:

"Und inhaltlich sind die Plagiate meiner Meinung nach eindeutig, aber lange nicht so schwerwiegend wie in anderen Fällen: Frau Schavan hat nicht ordentlich zitiert, aber auch nicht seitenweise abgeschrieben" (SPON 06.05.2012)
 Irgendwie läuft da einiges falsch bzw. verquer.
Frau Schavan kann öffentlich behaupten, 
"man könne nie ganz ausschließen, dass ähnliche Gedanken oder Formulierungen auch in anderen Werken stünden" (vgl. Mokanter Beobachter, 04.05.2012)
Da ist also jemand, der "nicht ordentlich zitiert" habe. Ohne Befassung der "Plagiatsjäger" wäre die Arbeit Schavans vermutlich nie mehr überprüft worden.
Wer aber "falsch zitiert" darf die Möglichkeit zur Korrektur erhalten; wird diesem nicht ausreichend bzw. ordnungsgemäß nachgekommen, muss der Titel aberkannt werden.
Welche Rolle sollte der Umfang des Fehlverhaltens spielen?

Die Regeln der Zitation mögen nicht so streng oder nicht so einfach übreprüfbar gewesen sein, damals in den 80ern und 90ern.
Welche Relevanz oder Qualität weisen solche Titel aber auf, wenn sie mindestens 10% Inhalte anderer Autoren und Gedanken enthalten? Und wenn diese nicht korrekt angegeben wurden? Wie soll man Schavan zitieren, wenn man genau vom Fehlverhalten weiß? Darf dann nur der Rest, also die anderen 90 Prozent des Textes, problemlos zitiert werden und die in Rede stehenden Reste müssen zunächst selbst recherchiert werden?
Und wo kommen wir hin, wenn man jede Arbeit, welche mit guten oder sehr guten Noten versehen wurden, erst auf "Richtigkeit" und "korrekte Zitation" prüfen muss?

Es geht hier, wie manchmal augenzwinkernd angedeutet, auch nicht um "Urheberrecht" gegen "Freibier für Alle". So könnte man die Piratenpartei und ihre Anhänger mal wieder "verunglimpfen": Fordern die Abschaffung des Urheberrechts und bestehen auf korrekte Angabe anderer Urheber in Doktorarbeiten.
Es geht ab nicht einmal um das Urheberrecht als solches, sondern die Angabe fremder Urheberschaft. Denn ob Schavan ihre Arbeit vermarktet oder dies getan hätte, ist nicht Element der Diskussion. Sondern auch, ob sie ihren eigenen Standards, welche sie gegenüber zu Guttenberg im "Fremdschämen" andeutete, gerecht wird.

Welches Bild zeichnet das alles überhaupt?
"Abschreiben" sei "normal" und fände ohnehin bei den meisten Arbeiten statt? Das mag so sein, davon kann man auch bei aktuellen Studierendenarbeiten in recht großer Zahl ausgehen. Besitzt das dann aber alles irgendeinen Wert?

Ich sehe dahinter ja immernoch die Folgen einer  übertriebenen Akademisierung der Gesellschaft, gewollt erhöhter Abiturienten- und Studierendenquoten.
Wo Hochschulabschlüsse und Titel höhere Einkomen und Vermögen fast schon "garantieren", da findet Titelinflation statt. Denn funktionierte das System der "Bestenauslese", welches nur die Besten zu den höchsten gesellschaftlichen Weihen und Ressourcenkontrollen führen solle, dann dürften Menschen, die abschreiben, nicht komplett selbst denken können oder wollen bzw. einfach nicht kreativ oder intelligent genug sind um einen Titel rechtfertigende "neue Gedanken" zu Papier zu bringen, eben keine solchartigen Abschlüsse erhalten.
Die Akademikerquote wäre dadurch geringer insofern, dass auch Absolventenarbeiten kritischer auf Inhalt und Korrektheit geprüft werden müssten.
Für Hochschulsysteme, welche mittels privaten Elementen auch gewisse "Absolventenquoten" als "Output" erfüllen müssen bzw. wollen um "Qualität" zu zeigen, dürfte das infrage stellend sein.
Man darf ja nicht nur auf das zweifelsohne kritikwürdige individuelle Fehlverhalten des "Betrugs" abstellen, sondern muss sich Systemparameter und -umstände besehen.
In eine ähnliche Richtung ging zuletzt ein "Hörspiel" im Deutschlandfunk "Europa, eine Plagiate-Saga" in dem ein fiktiver Mitarbeiter der Europäischen Union eine einstmals abgelegte und unvollendete Doktorarbeit abgeben wollte, da er sich von den Kollegen und Vorgesetzten für nicht ausreichend "kompetent" gehalten wurde.

Ist ja auch interessant, was gewisse Medien thematisch und richtungsleitend daraus machen.
So wurde zunächst latent versucht, dem "Schavanplag" selbst Kopiererei und Fremdnutzung vorzuwerfen. Außerdem hiess es, ein angeblicher "Konsens" im "Vroni-Plag" sei missachtet und entgegen eines Abstimmungsergebnis veröffentlicht worden.
Dies wurde in einem Interview mit SPON nun richtig gestellt:
 Auch im eigenen "schriftlichen Interview" mit "schavanplag" wird versucht, dies als "ehrenrührig" darzustellen - manchmal meint man, die Veröffentlichung sei schlimmer als der Anlass dieser selbst:
"Die Mitglieder von VroniPlag stimmten ab, was mit den Ergebnissen der Schavan-Recherche geschehen soll - und eigentlich war die Mehrheit dagegen, die Ministerin bloßzustellen. Warum haben Sie im Alleingang veröffentlicht?"
 "Eigentlich war die Mehrheit dagegen, die Ministerin bloßzustellen". - was soll ein solcher Ausdruck? Was soll in diesem Zusammenhang "bloßstellen" überhaupt bedeuten?
Was im "schavanplag" passierte, ist ein Vergleich zwischen der Doktorarbeit einer Titelträgerin mit externen Quellen. Die Verwendung von Wörtern wie "Bauernopfer" dürfte nicht ausreichen um von einem "Bloßstellen" zu reden. Hier wird versucht, den Ansatz und die Motivation des Veröffentlichers zu diskreditieren um die Veröffentlichung als solche abzuwerten.
Die Person darf aber nicht mit der Kritik an der Arbeit vermischt werden - übrigens auch ein wissenschaftliches Prinzip, so bspw. bei "peer-reviews", Magazin-Artikeln, Zweit- und Drittgutachtern, etc.
Dass sich der Autor anscheinend für so wichtig und bedeutend hält, fast schon eine "Mission" zu haben, dies "nicht unter den Tisch fallen [zu; d.V.] lassen" mag man kritisieren. Aber wo gibt es keinen Egoismus?
Im Gegenteil: Im Bereich kapitalistischer Wirtschaft wird dieses Prinzip sogar zum allgemeinen, "fortschrittlichen" Prinzip erhoben.

Und das ganze weist ja auch auf ein impliztes Problem des Wissenschaftsbetriebs hin: Eigentlich wäre es Sache der Prüfer, der Prüfungskommission, der Doktorväter und -mütter, der Zweit- und Drittkorrektoren und der Universitäten allgemein, Arbeiten zu prüfen und auch ältere Titel bei Bedarf infrage zu stellen.
Das tun und taten sie aber schlicht nicht.
Dafür die "Plagiatsjäger" auch noch zu kritisieren, als "pinkelten sie Anderen ans Bein", dort, wo es doch eigentlich alles "gut funktioniert" ist schon grotesk.

Denn andererseits bekommen Universitäten bei gewünscht zu erhöhenden Akademiker- und Studierendenquoten kaum oder nicht ausreichend höhere finanzielle Mittel.
Mittel, mit denen sie beispielsweise Korrektoren bezahlen könnten.  Schavan trägt ihr Schärflein dazu bei.

Ist doch, in Anlehnung an obige Aussagen, interessant, wie es überhaupt funktionieren soll, dass jedes Jahr über Jahrzehnte hinweg mehr Studierende an die Universitäten strömen und auch mehr erfolgreich abschließen und die Qualität der Abschlussarbeiten mindestens gleich bleiben, eher steigen soll. Gerade in den "Geisteswissenschaften" mutet dies doch eher fragwürdig an. Dort hängt vieles aber auch stark vom subjektiven Eindruck des Prüfers und Betreuers ab, jedenfalls dann, wenn die Arbeit selbst formal korrekt, bspw. auch "richtig zitiert", ist.
Welcher "Output" wird in geisteswissenschaftlichen, für Plagiate wohl hauptsächlich anfälligen, Fächer überhaupt erwartet, gewünscht und wie wird er gemessen?
Da kommt es dann zu so kuriosen Themenwahlen wie bei Florian Grafs, Mitglied der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus, Doktorarbeit, welche sich mit der eigenen Berliner Partei und Fraktion nach "plötzlichem Machtverlust" befasst. Eigentlich "genug Stoff" und Platz zum Austoben eigener, analytischer Gedanken. Zumal dazu noch kaum etwas publiziert worden sein sollte.
Und dann trotzdem fälschen?
Trotzdem inkorrekt zitieren?
Trotzdem nicht angeben, welche Standardliteratur man verwandte? Oder worauf will man sich beziehen, wenn man eine fast schon "zeitgeschichtliche Arbeit" verfasst?