Freitag, 11. Mai 2012

Lob der #Umschau auf "freie Tankstellen" zu kurz gegriffen? #MDR


Am 24.04.2012 lief in der "Umschau" des MDR ein "Experiment": Eine Tankstelle, einen Tag in Geithein, Sachsen, Spritverkauf "zum Einkaufspreis".

Das heisst: Kein Gewinn für den Tankstellenpächter bzw. -betreiber bei vollen Kosten des Benzins.
Während sich dies bei Diesel recht stark auswirkte, sank der Preis für einen Liter Super um 7 Cent. "Gerade mal 7 Cent" könnte man meinen.
Und für diese Ersparnis fanden sich Menschen teilweise stundenlang vor einer Tankstelle ein, verweilten dort, regten sich über die Verkehrsverhältnisse auf und tankten diverse Behältnisse nebst dem eigenen Automobil voll.

Die sieben Eurocent machen bei einem Kauf von 100 Litern Superbenzin 7 Euro aus. Dieses "Geschäft" mag man dann für sinnvoll halten, sofern der Bezinpreis demnächst noch deutlich stärker steigt. Fällt er jedoch, sinkt nicht nur der relative Vorteil - auch die Relation zwischen Kosten und Nutzen verschlechtern sich.
Der Ölpreis sinkt seit kurzem wieder - dies scheinen die größeren Medien aber noch nicht mitbekommen zu haben. Ins Unermessliche dürfte der Benzinpreis überdies nicht ansteigen.

Vielerorts, auch in diversen Gruppen "sozialer Netzwerke", wird zum Tanken bei "freien Tankstellen" aufgerufen. Auch solche Aktionen wie "Tanken zum Einkaufspreis" gibt es nicht nur singulär oder mittels medialer Unterstützung. Die Umschau selbst verweist auf einen bayrischen Fall: Ein Mann, der "kurz vor seiner Rente" nochmal "zeigt, was geht".
Fraglich, ob solche Modelle einen Nutzen bringen.
Der bayrische Verkäufer erwähnte, er habe durch den Andrang und die hohe Bezinabgabe bereits drei Pumpen wechseln müssen. Geht man von recht "hohen Kosten" solcher Pumpen und keinerlei Reingewinn des Pächters aus, so folgt nach geraumer Zeit logisch die Pleite des Unternehmers.
Weil er am verkauften Benzin nicht nur nichts verdient, diesen muss er ja für den Preis verkaufen, für den er ihn bei Großkonzernen kaufte, sondern noch ständig auflaufende Kosten besitzt.
Sofern nicht genügend Spenden oder Tankstelleneinkäufe aufliefen, müsste er das dauerhaft aus eigener Tasche finanzieren.
Solches funktioniert natürlich nicht.
Schon, da Menschen, die "auf den Preis sehen", wozu "preissensible" Benzinkäufer, welche für eine 7-Cent-Ersparnis mehrere Stunden anstehen und weiter fahren, gehören dürften, wohl eher in Supermärkten oder Discountern mit größerem Angebot und niedrigerem Preis einkaufen.
Auch damit sind die Kosten letztlich nicht zu decken.

Außerdem trübt die auch von der Umschau proklamierte "Freude" ein wenig, was später sichtbar wurde: Zwar senkten die "großen Tankstellen", also solche, die den Sprit von Aral, Shell, etc. auch unter diesem Namen verkaufen.
Vermutlich brachen ihnen in der Verkaufszeit "zum Einkaufspreis" des Konkurrenten so viel Umsätze und Gewinne auch bei nicht-Benzin-Verkäufen weg, dass es sich lohnte, knapp an oder über den Preis des Wettbewerbers zu gehen.
Konkret wurden die Preise während der Öffnungszeiten der anderen Tankstelle um etwa einen Cent über deren Verkaufspreis angepasst; nach der Schließung stiegen die Preise teilweise wieder überdurchschnittlich an.
Somit könnte man sich über den "doch funktionierenden Wettbewerb" freuen und die Schuld den "Großkonzernen" zuschieben.

Zweifel sind angebracht.
So senkten die anderen Tankstellen nicht nur nicht auf genau den Einkaufspreis, was ja angeblich jederzeit möglich gewesen wäre. Den Benzinverkäufern dürfte nur wichtig sein, dass sie den vorher oder am Verkaufstag selbst verhandelten Preis für den Sprit erhalten - welchen Gewinn der Pächter bekommt oder erwirtschaftet sollte dabei egal sein. Erst wenn große Pächterzahlen in die Pleite gingen, könnte auch das Abnehmergeschäft des Benzins in Bedrängnis geraten. Davon ist bei eher steigendem Konsum momentan nicht auszugehen.
Der Cent über dem Preis der "freien Tankstelle" ist letztlich also ein "Gewinn", etwas, das nach Abrechnung des Benzin Kaufs und Verkaufs beim Tankstellenpächter verbleibt.
Verkauft man also "zum Einkaufspreis" schadet man damit erstens sich selbst und zweitens nicht den Großkonzernen, auf die es angeblich zielte: Sie halten sich am Pächter schadlos und bestehen auf die vereinbarten Preise.
Der Druck abwandernder Kunden allein zwingt die vermutlich eher "kleinen Pächter" den eigenen Gewinn zu senken.
Diese Idee ginge nur auf, falls die Tankstellen direkt in der Hand "der Großen" wären - die Konzerne wie Aral oder Shell die Tankstellen also besäßen und betrieben.
Selbst dabei interessierte dann aber niemanden die Situation der Beschäftigten, folgende Rationalisierungen und Arbeitslosigkeit. Schließlich kann man nicht davon ausgehen, dass "freie Tankstellen" die Mitarbeiterzahlen enorm ausbauten, selbst wenn deren Benzinabsatz durch "Einkaufspreis" dauerhaft steigen sollte.

Falls die Tankstellen in den Händern "kleiner Händler", Pächter, Mittelständler, etc. wären, bliebe die gesamte Aktion eine Milchmädchenrechnung, da man dem Benzinverkäufer nur auf Konsumenten-, nicht aber auf Produzentenebene zuleibe rückte. Genau de Produzentenebene, die dortigen oligopolitischen Strukturen, erzielten Preise und das Durchreichen an die Tankstellen sorgt aber für Kritik und genannte Probleme.