Donnerstag, 5. April 2012

soziale "Beweislastumkehr" bei #37grad "Abgetaucht"


Gestern lief im Rahmen der Dokumentationsserie "37 Grad" ein Stück zum Thema "plötzliche Kontaktabbrüche" mit dem Thema "Abgetaucht" auf ZDF (abrufbar in der Mediathek).

Schlussendlich blieb ein Satz, der doch zum Grübeln und Kritisieren anregen muss:

"Drum höre, was ich nicht sagen will"

oder ähnlich.

Das gesamte Stück Dokumentation trieft von unausgesprochenen Anschuldigungen aus dem Off, welche die der porträtierten Akteure begleiten und stützen.
Der Vorwurf: Menschen, die den "Kontakt abbrechen" seien schlecht und problematisch, da sie die Menschen die es betrifft in "Abgründe" stoßen. Sie "allein mit sich zurücklassen" und dafür sorgen bzw. daran "schuld" sind, dass keine Ruhe gefunden werden könne und sich und seine ehemaligen Handlungen ständig hinterfragt werden müsse.

Begründet wird dies dann mit angeblichen "Werten" und "Verhaltensweisen", welche geböten sich auch mit Menschen, die man nicht mehr sehen oder sprechen möchte, erneut auseinander zu setzen.

Diverse weitere Äußerungen, die so vermutlich durchaus in gewissem Maße als "repräsentativ" gelten können, sind interessant. So sagt der betroffene Mann, Rolf, im "Into" in Minute 1:10, dieser "plötzliche Abbruch" sei "das Heftigste" was er empfunden hätte.
Also keineswegs "die Liebe" oder die bisherige "Beziehung", sondern einfach nur dieser neue "Moment" oder diese aktuelle Handlung. Sie stellte damit alles bis dato Gewesene in den Schatten.
Dies nenne ich "Momentfixierung" - ein Benehmen wie Junkies, die sich den nächsten Schuss setzen wollen und müssen, da sie abhängig sind. Es gibt (philosophische) Texte und (sozio(-psycho)logische) Studien die von der blanken "Unsicherheit" bzw. "Veränderung" als Basis für "Emotionen als solche" ausgehen.
Das mag ein Grund sein, weshalb "langfristige" oder "langjährige Beziehungen" irgendwann zu einem Punkt kommen, wo nicht nur der Fokus wechselt, sondern dies auch als "lästig" oder "alt" empfunden werden kann.
Die in Minute 1:38 aussagende Frau meint, es habe sie "aus der Bahn geworfen" - auf Nachfrage bejaht sie den Zusatz "wie sonst nichts". Und das gleich doppelt.
Damit ist klar: Weder das Eingehen einer (neuen) "Beziehung", ein "Verlieben" oder "Liebe" wog für sie diese starke Emotion auf.

Danach will der Film seine eigene Relevanz begründen: "Es kann Jeden treffen, von einem auf den anderen Tag bricht plötzlich der Kontakt zu einem vertrauten Menschen ab.".
Damit geht er selbstüberschätzend und sozial-generalisierend fehl: Es soll auch noch Menschen geben, die eher "pessimistisch" oder "misantrophisch" veranlagt sind und daher entweder dezidiert auswählen, wem sie "vertrauen" und die Zahl dieses Menschenkonsums gering halten, oder die dies gar ablehnen oder stark begrenzen.
Die genannte Verallgemeinerung will Relevanz für ein Thema darstellen, welches so vielleicht individueller sein könnte als gedacht. Wenn es nämlich nicht "die Gesellschaft" wäre, die solches hervorruft oder solche Ereignisse wie geschildert, sondern "nur" einige Individuen in dieser, könnte und müsste man nach Voraussetzungen, Erziehung, Sozialisation, Stress- und Konfliktbewältigungsstrategien, Coping, etc. fragen.
So aber, wenn es "jederzeit Jeden treffen kann" - darf dies getrost unterbleiben und der Zuschauer sich voll auf die "Schicksale" der Personen einlassen.
Mithin wird hier auch schon auf die folgende recht einseitige Positionierung der Dokumentation verwiesen, welche auch durch das Beispiel der aktiv-handelnden, den Kontakt abbrechenden, Tochter nicht geschmälert wird.

Dann geht es fast schon "suggestiv" weiter: Hinter der Sprach- und Kontaktlosigkeit stehe, unwidersprochen, eine Aussage. Diesen Aspekt mit der Frage "Was soll Deine Mutter verstehen, was Du ihr nicht sagst" einleitend entspinnt sich das ganze Elend dieser Angelegenheit.
Man will auf das angebliche Phänomen der "kommunikationslosen Kommunikation" abstellen, als sei auch ein "Schweigen" ein Ruf, eine Aussage, mithin vielleicht ein "Hilferuf". Schon hier wird deutlich, dass man den "kommunikationsaffinen Menschen" auf ein Schild hebt das ihm nicht zuträglich ist.
Um es klar zu sagen: In einer non-verbalen "Kommunikation" kann "Aussage" stecken - mimisch oder gestisch bspw.
Aber ohne Sicht des Menschen, ohne auch nur irgendeinen Kontakt gibt es keine lineare oder non-lineare Interaktion. Mithin ist der verbliebene Mensch das, was er auch schon vor der Interaktion war: Allein und auf sich gestellt.
Also keineswegs krank, hingerichtet, tot, bestohlen oder in sonstiger Art negativ berührt; ein Mensch traf eine individuelle Entscheidung genau wie die, einen Kontakt zu beginnen und fortzuführen.

Die Tochter ist dann, Minute 02:16 folgend, auch eine "tragische Figur", denn sie möchte ihrer Mutter durch ihr "Schweigen" angeblich doch etwas "sagen". Und zwar eine Menge.
Nur kann soetwas schon denklogisch nicht funktionieren.
Wenn man jemandem etwas sagen möchte, was über einen bereits interagierten Kontext hinaus führt oder führen soll, so muss man den Kontext erweitern, aktualisieren oder mit neuen Informationen füllen. Das, was sie, die Tochter, sich selbst denkt kann die Mutter so NIEMALS selbst denken.
Weil sie keine kongruenten Geister sind - sie teilen keinen Alltag mehr, sie teilen sich einander nicht einmal mehr im Geringsten mit. Nun kann sich die Mutter eigene Gedanken bzgl. Gründe oder Folgen eines solchen Kontaktabbruchs machen, sie wird es aber niemals so sehen und verstehen können, wie die Tochter es nach diesem folgend "meint" oder sagen will.
Die "tragische Figur" wird sie, da sie dies nicht versteht und damit recht eindeutig klar macht, mit und in sich selbst überfordert zu sein.
Der zweite, eigentlich kaum noch einer Würdigung bedürfende Aspekt, betrifft ihren mangelnden Selbstwert aufgrund angeblich oder tatsächlich fehlender "mütterlicher Zuwendung": man weiß nicht genug um das adäquat bewerten zu können. Die Mutter kommt schlicht nicht persönlich vor.

Ein erwachsenes Kind aber, dass tatsächlich annimmt oder wünscht, so angenommen zu werden, "wie es ist", verstand auch Mehrfaches nicht.
Sie selbst kann sich nur so einschätzen, wie sie sich sieht. Mit ihren eigenen Augen, nach ihrer Sozialisation und Erziehung. Diese weicht aber, da völlig verschiedene Wahrnehmungsräume und -arten, notwendig von der ihrer Mutter ab.
Die Selbstwahrnehmung des Kindes, der erwachsenen Frau, kann daher niemals die Fremdwahrnehmung der Mutter sein oder ihr entsprechen.
Des Weiteren sollte klar sein, weshalb Menschen Kinder zeugen: Um in ihnen in einer Art "Unsterblichkeit" weiterzuleben, um über den Tod hinaus zu existieren.
Vorallem aber auch, um ihr Leben, welches sie angeblich "nicht führen konnten", aufgrund externer Unwägbarkeiten, etc. in und mit den Kindern auszuleben.
Sie spiegeln sich in ihnen und benutzen sie im Sinne der Erziehung als Gefäß.
Später versuchen Gesellschaften durch "Wertesysteme", "-konsensi", Einrichtungen wie Kita, Schule, etc. lenkend einzugreifen.
Ein Mensch wird nicht dadurch "gut" oder "schlecht", dass ein anderer Mensch dies äußert, meint oder nur denkt. Dies macht jeder Mensch mit sich selbst aus, notwendig. Vorwerfen kann man, dass die Vermittlung dieser Struktur anscheinend misslung - weit weniger aber die situative Handlung der Mutter.

Und wieder das Motiv: "Wer schweigt, will auch etwas sagen.".
Nicht-Kommunikation als Kommunikation.
Problem nur: Die spielt sich allein im betreffenen Menschen selbst und nicht mehr "interaktiv" ab.

Man kann die dann folgenden Wendungen und Äußerungen eigentlich abkürzen:
Es geht nur noch um die Rechtfertigung des angeblichen "Anspruchs" von bei "Kontaktabbrüchen zurückgelassener" auf eine "Erklärung".
Modelliert wahlweise in den "bürgerlichen Werten", wie von der 21jährigen keck und unreflektiert dargetan, oder mit Aussagen wie "das macht man doch nicht", auf die ohnehin jeder hellhörig werden sollte, dem "ich" näher liegt als "man".
Schlussendlich geht es bei den Diskussionen um einen inneren Monolog.
Menschen, die nicht verstehen keine Handhabe oder Anrechte auf Kontakt zu anderen Menschen zu haben, wollen sich gesellschaftlichen "Werten" und Moralismen bedienen um die mangelnde Coping-Fähigkeit zu kompensieren oder von einem "Leid" erlöst zu werden.
Man soll also "ihren Job machen" - um es mal platt auszudrücken.

Es kommt dabei weit weniger darauf an, wie man "erzogen" wurde oder ob man wortlose Kontaktabbrüche befürwortet.
In einer Gesellschaft, die Individualität so dermaßen schätzt und auf deren Gestaltung und Verwirklichung wert legt, mutet dieser ganze Beitrag fast schon "diktatorisch", mindestens jedoch "autoritär" an.
Einen Menschen, der offensichtlich nichts mehr mit anderen zu tun haben möchte, zu zwingen oder zwingen zu wollen gegen diese selbst getroffene Entscheidung zu verstoßen dürfte mit dem "Selbstbestimmungsrecht" nicht unbedingt kompatibel sein.

Hier vollzieht sich, mal wieder, das, was man auch bei diversen anderen fragwürdigen Gelegen- und Begebenheiten verfolgen kann: Ein Versuch der "Beweislastumkehr". Nicht mehr derjenige, der eine freie Entscheidung als freier Mensch trifft und exekutiert, sondern der, der trauert, sich an seiner Trauer weidet und eigentlich auch gar nicht heraus möchte wird geschätzt.
Vielleicht unterschlage ich soetwas wie "soziale Dynamik" oder "soziopsychologische Dynamik sozialer Interaktion". Möglicherweise.
Wenn man jemandem aber ethisch-moralisch indirekt vorschreiben möchte, sich auch dann noch mit anderen Menschen abzugeben - egal in welchem Kommunikationsmedium -, wenn das absichtlich und in vollem Bewusstsein abgelehnt und vermieden werden soll/will, dann hat das mit "Freiheitlichkeit" nichts mehr zu tun.
Die andere Seite ist weniger dramatisch: Nicht jeder Mensch dürfte die Probleme damit haben, nichts mehr von "Vertrauten" zu hören oder lesen, wie Dargetane.
Und da beißt sich dann auch die "Relevanzkatze" in den eigenen Schwanz: Dieses Thema ist vermutlich kein gesellschaftliches und soll die "konservative Vorstellung" ständig verrauender Sitten, Kultur und dem Untergang des Abendlandes nähren.
Dabei geschieht nur genau das, was über Jahrzehnte hinweg postuliert wurde: Sei "Du selbst" - und bevor Du das "sein kannst", musst Du es erst produzieren, kreieren. Das "Selbst" muss kreiert werden, denn es existiert nicht. Weder individuell noch gesellschaftlich.
Wurde aber erst etwas "produziert", dann verteidige es, baue es aus auch auf Kosten Anderer, denn mehr hast Du nicht und wirst Du nie haben. Wer das nicht versteht, bleibt eben zurück.
Da muss man dann schon tiefer gehen und mehr kritisieren, als nur drei Entäußerungen von sicher mehreren, die aber über die eigene Betroffenheit nicht hinaus kommen.
An ihrem "Entschluss habe die Freundin sie nicht beteiligt", daher sei das Problem, dass es eine "komplett einseitige Entscheidung" gewesen sein.
Ja, was denn sonst?

Rolf habe kein "Mitspracherecht" bekommen, als "zähle seine Meinung nicht" - natürlich zählt sie dann nicht, wenn es um individuelle Entscheidungen geht. Sie hätte bspw. auch ein angeblich "gemeinsames" Kind abtreiben können, da es ihr Körper ist, in dem es wachsen und aus dem es geboren würde. Dies wurde nicht angesprochen, ist doch aber weit schwerwiegender da es ggf. um ein Tötungsdelikt gehen kann. Bei einer weit weniger problematischen Angelegenheit bricht man solches Tiradengewitter los.
Eine "Partnerschaft" betrifft nie "beide", sondern nur Jeden jeweils allein - ein überwölbendes "Ganzes" inkl. "gemeinsamer Zukunft" existiert nur in Fantasie und Konstruktion. Dinge wie "Entmündigung" und "Gewalt" zeigen die inneren psychischen Probleme solcher Menschen, keineswegs aber eine sinnvolle thematische Befassung.
Danach wird ab Minute acht eine lächerliche Vorwurfskanonade abgefeuert.

Die "Fragen", welche sich diese Menschen selbst stellen, weil stellen wollen oder müssen, lassen sich nicht beantworten und sollen auch nicht beantwortet werden. Sie werden zur Selbstreferenz, zum sich wiederholenden Spiel von "Halt" und "Fall". Anscheinend erwünscht.
Später wird mittels Software-Desigerin ein Bild gezeichnet, in dem Menschen ein "Grundbedürfnis nach Kontrolle und Orientierung", nach "Mitbestimmung" hätten. Etwas, was man ihr also genommen hätte. Sinnloserweise wird danach die oben bereits zitierte Tochter angeführt ohne näher auf diesen angeblichen Zusammenhang einzugehen.
Menschen mögen ein Bedürfnis nach "sicherheit" besitzen - keineswegs aber nach übermäßiger Kontrolle. So gibt es auch das Gegenteil, den Wunsch bzw. Willen nach Kontrollverlust. Ist man dann noch übertrieben perfektionistisch und versucht sich in jeder Situation an angeblich antizipierbare Erwartungen anderer anzupassen, will man sich auch stets "korrekt" und "angemessen" verhalten.
Das alles sind Mischungen, die nicht aus, sondern nur in Depressionen und andere psychische Störungen hineinführen können.

"Wer nicht erklärt, nimmt dem Anderen jede Möglichkeit zu verstehen".
Erneut die Anklage gegen Menschen, die nur eine freie und selbstbestimmte Entscheidung trafen, die keiner weiteren Rechtfertigung bedarf, da sie das individuelle Recht auf Nicht-Umgang bzw. -Verkehr sträflich missachtet.
Und wieder der Versuch der Beweislastumkehr - wie im Internet, wo angeblich kaum jemand "soziale Kompetenz" oder "angemessene Internetkompetenz" kennte und eine "Internetkultur" oder "das Internet" gar selbst für Aufrufe zu Lynchjustiz vor der Emdener Polizeidienststelle verantwortlich sei.
Das mutet nur noch grotesk an.
Einem anderen Menschen wird nicht die Möglichkeit des "Verstehens" genommen - es geht um die Ruhe und Freiheit auch und vorallem Desjenigen, der dies tut und umsetzt.

Das gipfelt dann noch in der Aussage angeblicher Therapeuten von "langsamem Mord".

Bei einem "Mord" oder Tod eines Angehörigen sei es "irgendwann okay", da ja "endgültig" und "abgeschlossen". Nicht aber "im Leben".
Was folgt daraus bzw. steht dahinter?
Wird etwas "für immer genommen", kommen selbst diese Menschen, nach eigenen Aussagen, irgendwann halbwegs damit klar. Wissen sie aber, dass sie etwas früheres nicht mehr haben oder bekommen können, so steigern sie sich nicht nur immer weiter hinein, sondern finden auch kein "Ende", wo einfach nur der Respekt bzgl. eines anderen Menschen weiteres Nachbohren, auch bei ihnen selbst, dies gebührte.
Solches mutet erneut entweder "kindlich" bzw. in erwachsener Gewinn-Verlust-Analyse sozialer Beziehungen und deren Dynamik "rückständig" und "nicht voll entwickelt" oder wie ein "Besitzverhältnis" an; der Tod "beendet" nach allgemeiner Lesart das Leben und verunmöglicht die Rückkehr und die vorhergehende Situation. Aber etwas, was man gerne hätte und wünscht, will einfach nicht "weg sein", da es nicht "sein darf".
Denn gerade Rolf meinte "Zukunft verloren zu haben" - er plante also schon deutlich weiter und hatte sein Leben schon innerhalb eines Vertragsverhältnisses eingeordnet.
Geschmückt wird dies dann nur noch mit fragwürdigen Metaphern und emotionalen Entäußerungen.

Ohne ein "klares Ende" könne der Verlassene "nicht trauern" - erneut ein Vorwurf an einen anderen Menschen, jemandem "Trauerarbeit" unmöglich gemacht zu haben. Vermutlich dann noch aus "niederen Beweggründen" wie Habgier, Egoismus, Neid, etc. Warum nicht einfach, weil das Investment von nicht erneuerbarer Lebenszeit, die so nie wieder vorhanden sein kann und wird, keinen Nutzen mehr hatte? Weil die eigene investierte Zeit in keinen sinnvollen Verhältnis zu dem stand, was man zurück bekam?
Davon nichts, nur dumpfe Anklage.

Fazit: Schon besseres, vorallem ausgewogeneres gesehen.