Samstag, 7. April 2012

Nachlese #EinsgegenEins auf #sat1: Lob dem Menschenkonsum als Basis der #Monogamie, Kritik an #swingen und #polyamorie



Am 02. April 2012 lief auf Sat1 eine "Talkshow", "Diskussionsrunde" kann man es kaum nennen, der Serie "Eins gegen Eins" mit dem Thema "Treue ein Leben lang - Ist Monogamie noch zeitgemäß?".

Im Nachklapp zur Show machte ich mir den Spass das genaue Thema inklusive An- und Abführungsstriche als Suchbegriff bei Google einzugeben und mir Ergebnisse anzeigen zu lassen.
Viele Seiten verweisen auf die Show selbst, u.a. Focus oder kleinere welche stark danach aussehen einfach "Linkfarmen" zu sein (bspw. "ihre-meinung-bitte.com).
Dabei finden sich dann auch ansatzweise gehaltvollere Texte, welche auch nur wortkarg bereits bekannte Dinge wiedergeben und mehr beschreiben denn erklären.


Nicht minder interessant sind Aggregationsportale zum Thema wie "Parntersuche-online.de", welche eben solche oben genannten Texte in einem landläufigen Design leicht präsentieren. In der Titelzeile heisst es direkt "vergleichen - verlieben - verstehen".
"Vergleichen" dürfte sich dann wohl auf die diversen "Singlebörsen" beziehen, für welche eben diese Seite der Ausgangspunkt sein soll. Weshalb "verstehen" aber nach "verlieben" auftaucht, ist jedenfalls mir unklar. Vielleicht zeigt das aber auch ungewollt: "Liebe", so wie sie in einer romantischen, seriell monogamen Zweierbeziehung, orientiert am "bürgerlichen Liebesideal", erlebt und erfahren werden soll, kann in heutiger Umwelt und Gesellschaft nur vor einem "verstehen" funktionieren.

Denn im Kern kann man ja von einem "Siegeszug" alles "Rationalen", des Rationalisierenden und folgend Ökonomisierendem sprechen.
Das brachte u.a. Aufklärung und Individualisierung, ebenso wie die inm Text genannte Abkehr von Religion, mit sich.
Nur so gelingt es überhaupt Normen und Regeln zu hinterfragen und Alternativen in den Blick zu nehmen.

Im Sinne des genannten Showtitels auf SAT1, kommt auch in der Textüberschrift "Ist Monogamie noch zeitgemäß?" vor - wer da wohl von wem abschrieb?
Überhaupt - "zeitgemäß", nicht sehr einfallsreich. "Alternativlos" liegt da auch schon wieder nicht fern. Wir mögen zwar alle "Kinder unserer Zeit" sein, müssen aber nichts unhinterfragt oder unkritisch übernehmen. "Zeitgemäß" impliziert dabei schon eine Wertung des Themas: Wäre es "zeitgemäß", müsste man die Frage wohl nicht stellen. Also eine Suggestivfrage.
Könnte man ja als "sinnvoll" im Sinne kontroverser Debatte verstehen, nur leider dürfte dies allgemein zunächst mehr Abwehrreaktionen und Stellvertreterkriege auslösen, als sinnvolle thematische Befassung.
Denn im System/Paradigma selbst findet sich genug Anlass zum Zweifel und für Kritik.

"Ein Leben zu zweit" - auch das steht fast unweigerlich im Text der Partnerbörsenvergleichsseite.
Korrekt müsste es heissen: "Ein Leben zu zweit ab einem bestimmten Zeitpunkt, der den ersten Satzteil eigentlich zu einem Oxymoron macht.".
"Leben" impliziert ja nicht nur die Zeit von einem gewissen, meist späteren, Zeitpunkt an bis zum Tode, also dem "Lebensende" - in naturwissenschaftlicher Sicht.
Es kann also mithin gar nicht um "Leben" gehen, soll es auch nicht, das Wort wird aufgebauscht, sein Wohlklang und gesellschaftlich-historisch überlieferter Normkontext wird für die Kreation eines Paradigmas bzw. dessen Assistenz genutzt.
Selbst Bayern wird mittlerweile nicht mehr CSU-alleinregiert und auch dort wird man von Dingen wie "Trennung" oder "Ehescheidung" gehört haben. Von Dingen wie "jugendlichem Leichtsinn" und "Experimentierphase" wohl ebenso.
Wie aber will man "Leben zu zweit" sinnvoll, dem Wort- und Bedeutungssinne nach, begründen und verwenden, wenn dem benannten Ergebnis in den meisten Fällen ein "Menschenkonsum" vorausging?

Was natürlich auch heisst, dass am "Beginn" einer seriell monogamen Zweierbeziehung, die "ein Leben lang hält" oder "halten soll" die hohe Wahrscheinlichkeit, eigentlich "an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit" gegeben ist, "nicht die erste Person" gewesen zu sein.
Und zwar weder sexuell noch emotional - will man nur mal diese Sphären grobschlächtig betrachten. Dies brachte ich in einem anderen Beitrag, "Monogamie vs Monoamorie und Polymorie - erste Bestandsaufnahme", mit "jeder Mann im Alter zwischen 25 und 45 Jahren hätte im Schnitt "10 Ex-Freundinnen gehabt"." auf den Punkt. Auch ging ich auf den von mir konstatierbaren "Menschenkonsum im jungen Alter" ein.
In einem gewissen Alter, oder bis zu einem solchen, gilt also als "normal" oder "erwünscht", was später als "schlecht" oder "charakterschwach" gilt: Sich "auszuprobieren" und "selbst zu erkennen".
Wie aber soll das anders möglich sein als an anderen Menschen?
Wie also ohne den "Konsum von Menschen", ihrer Sexualität und ggf. auch Gefühle?

Dabei "lernen", "erfahren" trifft es vielleicht besser, Menschen, dass nicht nur andere "Gefühle" für Menschen entwickeln, welche nicht erwidert werden (wollen), sondern auch sie selbst. Daraus ergibt sich eine Enttäuschung und innere Abkehr. Soll dies nicht erneut passieren, muss "Liebe" streng von "Sexualität" getrennt oder aber dies immer zwingend zusammen gedacht werden.
"Trennung" von "Liebe und Sexualität" meint in diesem Zusammenhang aber nur den jeweiligen Ausschluss", nicht aber das grundsätzliche Hinterfragen des Anspruchs bzw. Paradigmas, welches zu den Problemen führte.
Menschen merken, dass sie nicht nur nicht die "Ersten" für jemand anders gewesen sind, in den meisten, logischerweise nicht allen, Fällen, sondern häufen diese Zahlen auch für sich selbst auf.

Weshalb ist das relevant?
Weil es der sinnüberladenen, daher eigentlich irrationalen, Metapher des "Lebens zu zweit" schon dort den Wind aus den Segeln nimmt. Menschen, die wissen, dass es "auch ohne geht" - und genau das war ja der Anspruch diverser gesellschaftlicher Umbrüche hinter die es kein Rollback geben soll - "können" dann eben ggf. "auch ohne". Das muss nicht schlecht sein - ein "gemeinsames Leben" ergibt sich daraus nicht.

Zumal dann nicht, wenn Dinge aus dem "Leben", also dem "vorherigen Leben" ausgegrenzt und ignoriert bzw. vergessen werden (sollen oder wollen). So bspw. "Ex-Freunde", für die sich der "neue Lebenspartner" kaum interessiert.

Alles schon sehr seriell und steril, diese Konstruktion von "Liebe" und "Beziehung". Damit jedenfalls kommt Monogamie nicht durch.

Was notwendig folgt ist paradoxerweise ein "Menschentausch" und "Menschenkonsum": Da ja stets nur eine gewisse Grundmenge an Menschen vorhanden ist, welche durch Alter, ggf. Geschlecht, ggf. Aussehen, Sprache, Wohnort, Ort möglichen Kennenlernens und weiterem doch deutlich eingeschränkt wird.
Bei sinkenden Bevölkerungszahlen dürfte sich diese Tendenz noch verstärken: Häufige Menschenwechsel und "Trennungen" bringen erneut Menschen zusammen, die dies bereits kennen.
U.a. deshalb steigen auch Zahlen der "Wiederverheiratung".

Das "Leben zu zweit" wird aber auch durch den notwendigen psychischen Abstand zweier Personalitäten begrenzt und kann auch durch (bürgerliche) Vertragsbeziehungen nicht überwunden werden. Die schlichte biologische und psychologische Grenze macht schon ein ganz grundsätzlich "gemeinsames Erleben" oder auch nur "Wahrnehmen" unmöglich - etwas so pathetisches wie "gemeinsames Leben" funktioniert dann nur seriell, funktionalistisch. Also "gemeinsame Kinder" sind Kinder mindestens zweier genetischer Codes. "Gemeinsame Wohnung" wird von mindestens zwei Personen bewohnt, ggf. auch finanziert.
"Beziehung" oder "Liebe" eben in der Entäußerung dieser - dies aber ist nie gänzlich zu prüfen und hängt von gesellschaftlicher Konnotation der Worte, gesellschaftlichen Sanktionen und dem Wunsch gegenseitiger Sanktionen für Fehlverhalten und der jeweils eigenen "Comliance" ab.
Nichts also, was wirklich "gemeinsam" sein kann oder ist.
Solches wird auch an einfacheren Wortungetümen deutlich: "Sich Treue schwören" ist so eines.
Wie kann man "Treue schwören"? Entweder lebt man sie, dies dürfte sich dann aber nicht nur auf die körperlich-fassbare Ebene beziehen, oder man lässt es.
Zu "schwören" ist da nichts.

Überhaupt - die "körperliche Ebene". An der wird vieles, eigentlich fast alles festgemacht, deshalb definiert sich "Treue" oder "Exklusivität" ja auch am Körper, statt an der Psyche oder den Gedanken eines Menschen.
Man nimmt die einfachere Form der selbstgewählten Diktatur, die auch kontrollier- und sanktionierbar ist, statt zugeben zu müssen, dass am Problem selbst mehrfaches fragwürdig erscheint.
Damit wird der Körper, ganz im Sinne des dualistischen Leib-Seele-Problems, funktionalisiert.
Leider aber funktionieren Körper und Geist nicht jeweils eigenständig oder ohne das jeweils Andere, daher muss einer Funktionalisierung des Körpers auch eine solche des Geistes nachfolgen.
Dies ist ein Grund, weshalb ich solche Ansätze "unmenschlich" und "rationalistisch" nenne.
Interessanterweise bedient sich etwas, wie die "Liebe", welche angeblich vornehmlich "emotional" und eben nicht "rational" sein und daherkommen solle eben genau jenen Rationalisierungen die sie gleichzeitig in Zweifel ziehen.
Und sowas wird noch nicht einmal gemerkt.

Am oben genannten "Aufhänger", der SAT1-Show lassen sich einige dieser "Anmerkungen" rekonstruieren.
So äußert Elvers-Elbertzhagen in erstem Statement "die Liebe ausprobiert" und "das Leben ausprobiert" zu haben, in einer vom Moderator so bezeichneten "jungen" bzw. "wilden" Phase.
Hier wieder die Abgrenzungen: Ein "Vor-Leben", in welchem solche Dinge, die später als "schlecht" und "falsch" gelten geradezu getan werden sollen, fast "müssen" um einen Zugang zu sich selbst zu finden.
Mit allen Verletzungen der eigenen und der fremden "Seelen", "Menschen" trifft es besser macht die Formulierung aber kaum lesbar. Es geht sogar so weit zu behaupten, dass genau dies geschehen müsse um später "abwägend lieben" zu können, bzw. zu wissen, "was genau" denn "Liebe" und was evtl. nur "Schwärmerei" sei.
Damit benötigt "die Liebe" als "Lebensentwurf", mithin die Monogamie, also notwendig den vorherigen "Menschenkonsum" und daher letztlich auch unausgesprochen und verleugnet "Lug und Betrug".

Menschen waren also schon "Lügner" und "Betrüger", bevor sie sich in die Vertragsbeziehung begaben, wissen wie es funktioniert und werden, ausweislich offizieller Studien, deren Zahlenangaben dunkelzifferorientiert noch höher sein dürften, ihr Verhalten trotzdem nicht grundlegend ändern. Wünschen es täten andere, wie beim Umweltschutz, etc., ja.
Aber selbst aktiv werden?

Könnte natürlich auch sein, dass es "verschiedene Lieben" gibt. Dann könnte auch eine "Liebe" mit einem Menschen eine andere als mit anderen sein.
Dann aber erschließt sich erstens die Verlustangst weder in sexueller noch emotionaler Hinsicht rational, noch ist zweitens verständlich, weshalb diese "verschiedenen Lieben" miteinander prinzipiell in Konflikt stehen müssten und daher, eben durch die sanktionierten Vertragsbeziehungen, ausgeschlossen werden sollten.

Für Elbertzhagen war dies alles, das "ausprobieren", womit sie "fremdgehen" erklärt bzw. im Sinne des allgemeinen Verstehens euphemisiert, kein Problem, da sie nicht "verheiratet" gewesen sei. Also keine moralische Verantwortung und kein "Versprechen" auf sich geladen bzw. abgegeben hatte.
Die "Ehe" allerdings ist auch nur ein Stück Papier, welches im Ernstfalle rechtliche Handhabe der beteiligten Personen gegeneinander und gegen Dritte, im Innen- wie Außenverhältnis begründet und absichert. So diverse Steuervorteile, Ehegattensplitting, gegenseitige Geschäftsfähigkeit für den jeweils Anderen bzw. "Gemeinsam".
Es wird also etwas konstruiert und dann auch durchgesetzt, was so real, persönlich und psychisch nicht existiert: Ein "Wir", eine neue "Entität".
Damit aber ist dies nur Ausfluss gesellschaftlicher Definition, Gesetzeslage und Sanktion und eben keine nach innen gerichtete "Moralsanktion" - die könnte nur ein "Gott" aussprechen.
Der das ja, so überhaupt existent, regelhaft nicht tun dürfte.
Der angebliche "Treueanspruch" wird also selbst bei einer "Befürworterin der Monogamie" schon deutlich relativiert, funktionalisiert und rationalisiert.

Der deutliche Bruch zwischen "Liebe" und "Leben" im metaphorischen, überwölbenden Sinne und dem, was dann allgemein daraus gemacht wird, fällt vermutlich zunehmend mehr Menschen auf und erzeugt eine Reaktanz bzw. vorgezogenes Nachdenken über Alternativen.
Man könnte sagen, dass die Piraten die "Alternativen zur Monogamie" im Parteiensystem sind.

Man sucht und wechselt solange, bis man angeblich "fürs Leben gefunden" habe. Nur unschön, dass man bis dahin merkt, dass "wechseln", selbst und "gewechselt werden", gar nicht so schlimm ist, man sich alles "schön reden" oder legitimieren kann und das immer auch (noch) Besseres kommen kann oder kommt.
Man geht also einerseits davon aus, dass man nur genug Menschen konsumieren müsse um irgendwann "beim Richtigen" zu bleiben und andererseits dieser dann in ersterem "das Bessere" sieht.
Reichlich optimistische Annahmen.

Im Kern drehte sich die gesamte weitere Diskussion um wenige Kernpunkte: Der Vertreter der Religionsseite mahnte die Funktion von "Liebe und Beziehung" für die Erzeugung und Erziehung von Nachwuchs an und scheute sich nicht, naturwissenschaftliche Studien für die angebliche Schädigung von Kindern bei Abwesenheit von Mutter oder Vater zu zitieren.
Dabei wird die implizite Norm der "Mutter-Vater-Bindung" und gesellschaftliche Basis dieser Beziehungs- und Erziehungsform vergessen. Sie dominiert heute nachwievor den allgemeinen Diskurs und die Lebensrealität, damit wird die Mehrheit der Kinder auch so geboren und erzogen. Stellt man bei anderen dann gewisse "Verluste" fest, so misst man sie freilich immer an dem bereits selbst erzeugten Status Quo und verheddert sich dabei in einem Zirkelschluss.


Einen anderen Punkt der "Polyamory vs. Monogamie"-Debatte stellt "momobloggt"
 im "Polyamorie-Blog" dar
"Wenn man einem geliebten Menschen, der noch in einen anderen Menschen sich verliebt hat*, die Entscheidung abverlangt, bei wem er bleiben und zu wem er den Kontakt abbrechen wolle, macht man das Ende ja erst notwendig, das man am meisten fürchtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung endet, ist genau in dem Moment am größten, da der Anfang einer anderen Beziehung das Ende der bestehenden voraussetzt. Und so enden oft Beziehungen nicht etwa deshalb, weil zwei Menschen einander nicht mehr lieben, sondern weil einer von beiden noch zu einem weiteren Menschen sich hingezogen fühlt."
Darauf eine Antwort in den Kommentaren:
"Polyamore oder Polygame Beziehungen können nur funktionieren, wenn alle Partner gleichberechtigt sind. In der Wirklichkeit ist es jedoch so, dass wenn ein neuer Partner hinzukommt, diese Verbindung einfach erst mal interessanter ist, so dass die anderen Partner in den Hintergrund geschoben werden."
Beides thematisiert die angebliche Notwendigkeit sich zwischen Menschen "entscheiden zu müssen" einerseits und den möglichen Folgen andererseits.
Fraglich ist aber, inwieweit Monogamie nicht auch in diesem Punkt das Nachsehen hat: Gerade in einer solchen Konstellation muss ein Mensch zwingend priorisieren und andere Menschen in Rangfolgen einordnen.
Der "geliebte Mensch" wird zum Hauptziel von "Liebe", "Sexualität", Begehren, etc.
Dies schließt andere Menschen notwendig aus und führt zu einer (selbstgewählten) Beschränkung zwischenmenschlicher Interaktion, welche nicht nur selbst gewählt, sondern im Rahmen der monogamen Beziehung auch erwartet ist.

Beide Seiten, Monogamie und "Mehrpartnerwahl", werfen sich "Egomanie" vor: Monogamie wolle einen Menschen "besitzen" und "einsperren" und die "Mehrpartnerwahl" ermögliche das einfache Weitergehen von Mensch zu Mensch.
Wie oben ausgeführt verkennt die letztere Kritik leider die Genese ihrer eigenen Basis: Diese ist notwendig und immer eine "Mehrpartnerwahl" gewesen.
Oder wird der Religionsvertreter morgen, was er konsequenterweise müsste, wieder fordern, dass jeder Mensch mit dem erstbesten anderen Menschen "für immer", also bis zum Tode, zusammen bleiben müsse?
Die Ehe und anhängend religiösen Begründungen stehen unter massivem Rechtfertigungsdruck und zeigen sich eher dünnhäutig.