Mittwoch, 25. April 2012

#Breivik und mediale Tendenz zur Selbstzensur - Notwendig in unserer Gesellschaft?


Am 16. April begann der Prozess gegen Breivik, dem Attentäter, Terroristen und Massenmörder von Utoya.

Wie in vielen anderen Fällen auch, diskutieren die Medien und ihre Vertreter in Kommentaren auch jetzt über die Notwendigkeit oder Pflicht zu berichten. Und vorallem was jeweils berechnet werden sollte.
Einiges, wie bei MDR.Info, läuft gar auf eine Art "Selbstzensur" hinaus, müsse man doch nicht jedes Bild zeigen. Der Rechtsstaat, also das Gericht, sei dazu jedoch selbstverständlich verpflichtet.


Die Geste Breiviks mit geballter Faust und vorallem die Selbstinszenierung seiner Person und Tat war erwartbar. Jemand, der soetwas lange plant, diverse Ideologien formuliert und sogar Manifeste publiziert sollte auch bestrebt sein genau das zu tun.
In westlichen Staaten gibt es in den allermeisten Fällen keine Todesstrafe mehr; in möglicherweise lebenslanger Haft dürften diese Darstellungsmöglichkeiten nur noch sehr spärlich gesät sein.
Die letzte Chance über einen so langen Zeitraum zu nutzen ist an sich nicht perfider als die Tötungstaten selbst.
Teilweise wird aber fast von einem "weiteren Racheakt" an der "ohnehin schon geschundenen Gesellschaft" schwadroniert; nicht nur Breivik versteht es also zu inszinieren und emotionalisieren.

Auch die Aussage "aus Notwehr" gehandelt zu haben dürfte für die meisten Menschen so lächerlich sein, dass es keinen Grund gibt solches zu zensieren.
Den Opfern bringt das alles ohnehin relativ wenig: Das Urteil und damit Strafmaß steht zwar noch nicht fest, allerdings lässt sich nichts weniger als die Höchststrafe erwarten. Jedenfalls bei, wie von B. selbst angesprochen und gefordert, voller Zurechnungsfähigkeit.

In einer Gesellschaft muss soetwas möglich sein.
Es muss möglich sein, dass ein Massenmörder vor Gericht gestellt und darüber berichtet wird. Es muss auch möglich sein, dass er sich selbst zu seinen Taten äußert. Muss man dabei aber Selbstbeweihräucherungen und Schikanierungen von Opfern inkauf nehmen? Muss man tolerieren, dass sich der Täter selbst als Opfer geriert?
Die Frage lässt sich nicht emotional, aber eben auch nicht entemotionalisiert beantworten.
Denn die radikale Variante, "demokratische", "offene" und "erwachsene" Gesellschaften müssten das alles "ertragen" ist eben auch emotional. Die Emotionalität des Heroen, der sich wie ein Fels in die Brandung stellt und selbst in größter Not die andere Backe hinzuhalten, statt selbst zu schlagen.

Wobei ja "geschlagen" wird: Die Gesellschaft, in Verkörperung des Staates und der Gerichte, werden den überlebenden Täter aburteilen und die Freiheit entziehen.
Er hätte sich, wie die diversen "Schul-Attentäter", selbst richten können und sollen. Dann aber hätte er seine Botschaft nicht mehr in der Weise verkünden können. Bezeichnenderweise höhnte er vor Gericht, für "jemanden wie ihn" gäbe es eigentlich nur zwei Urteile: "Freispruch oder Todesstrafe".
Viele dürften ihm zustimmen.

Im Sinne der Gesellschaft sollten die Medien zwar nicht jeden Unsinn des Täters, doch aber ein allgemeines und nüchternes Bild vom Selbstverständis und Prozess verbreiten. Dazu gehört, sich keinen Selbstzensuren zu unterwerfen.
Ein Faustgruß bei Gericht radikalisiert bereits tatbereite Potenzielle Mörder nicht noch bedeutend mehr - neue potenzielle Täter dürfte er auch nicht gewinnen oder ermuntern über solches nachzudenken.
Die Selbstzensur liegt nahe, es ist so einfach einen solchen Menschen als "die Bestie" darzustellen, wie sie von vielen Menschen sicher gesehen wird. Mancher wird nicht verstehen, weshalb es noch "so viel Raum für so Jemanden" benötigt.
Glaubt man aber nicht, dass unsere oder andere Gesellschaften dies verkraften und sinnvoll integrieren und diskutieren können, dann schätzen wir nicht nur das allgemeine Bildungsniveau recht gering.
Es mangelt dann auch am Glauben an zuversichtliche Vernunftrationalität.
Immer das ganze Bild anbieten - Menschen, die Handlungen, Aussagen und Gesten/Aussehen des Täters kritisch deuten gehören dazu. Ihn aber gänzlich aus dem Bild zu verbannen hiesse nicht nur einzugestehen, dass man gerne lieber die Augen verschlösse.

Es hiesse auch eingestehen zu müssen damit nicht ausreichend überzeugend umgehen zu können.