Mittwoch, 11. April 2012

Warum kommen sie damit durch?


Mit "sie" ist hier die Piratenpartei gemeint, man kann den Ausgangspunkt der Kritik/Einlassungen aber auch benennen ohne zugleich und sofort auf eine Gruppierung zu sprechen zu kommen, welche durch gewünschte und ausgesprochene Heterogenität auffallen will.

Mit "damit" ist eine angebliche oder anscheinend "andere Wirtschaft" oder "Produktion" im Internet gemeint.
Nehmen wir einen Vergleich zwischen "old economy", bspw. einem Bäcker, und "new economy", bspw. Google Plus.
Zunächst gibt es weit mehr Bäcker als "soziale Netzwerke", den "Nutzen" von Google Plus zu produzieren ist also ungleich "einfacherer" möglich.
Geht man zum Bäcker und kauft ein Brot, wird man regelhaft nicht genötigt, auch noch eine Schweinshackse mitzunehmen.
Registriert man sich bei GoogleMail, einem E-Maildienst des Unternehmens, ist man regelhaft auch Mitglied dieses "sozialen Netzwerkes".
Damit steigert Google die Nutzerzahlen dieses Dienstes, welcher im Gegensatz zu Facebook nach eigenen Aussagen gerade einmal etwas über 100 Millionen Nutzer haben dürfte.
"Clever" könnte man das im Hinblick auf Google und dessen Umsätze nennen, steigert doch die potenzielle Nutzung von Google Plus den veröffentlichten Unternehmenswert, da ja unklar ist, wie viele Nutzer das Netzwerk tatsächlich regelmäßig nutzen und für für Statistiken nur der Betreiber herangezogen werden kann. Dieser hat wiederum wenig Interesse daran, sinkende Nutzerzahlen verkünden zu müssen, gerade wenn man u.a. durch Werbeeinblendungen bei Internetnutzern Geld verdient. Und Google Plus, Google Mail und die Suchmaschine in dieser Hinsicht stärker verzahnt, blendet man doch auch im Maildienst kontextbasierte Werbung ein, die u.a. auf Analyse der E-Mails und Suchmaschinenanfragen basiert.
Sonst könnte auch irgendwann das gesamte Geschäftsmodell zur Disposition stehen.

Argumentiert wird ferner, einmal ins Internet übermittelte Daten stünden dort "ewig" sichtbar, daher müsste jeder wissen, was getan würde. Dies kündigt eine fast "natürliche Vereinbarungen" eines "Vergessens" auf, die so jedenfalls außerhalb veröffentlichter Meinung bzgl. Politik und gesellschaftlich interessanten oder wichtigen Themen galt.
Man müsse das Angebot dann ja nicht nutzen oder gewisse Informationen einstellen, die kompromittierend wirken könnten, gerade nach längerer Zeit.
Somit wird vom Individuum, statt dem Unternehmen, Anpassung gefordert.
Die Norm, an die sich angepasst werden soll oder muss, wird nicht von einem Staat, also der verkörperten und mittels demokratischen Pfaden legitimierten Verkörperung, sondern privatwirtschaftlichen Unternehmen, an eigenem Interesse und Maximalprofit orientiert, gesetzt.
Es wäre bei Fotos bspw. auch ziemlich einfach möglich gewesen, jedes bspw. bei Facebook hochgeladene Foto automatisch mit einem "Wasserzeichen" zu versehen, welches man mit einer dynamischen Datenbank verknüpft hätte. Bei jedem Aufruf oder Upload eines Fotos erfolgte diese Verknüpfung. Bei jedem Auslesen eines solchen wäre dann eine Zuordnung zu einem Usernamen möglich.
Damit könnte zumindest eindeutig innerhalb des Netzwerks gelöscht werden; für solche, die nach außerhalb portiert oder gespeichert und weiterverarbeitet wurden wäre dies freilich keine Abhilfe.
Aber diverse Gruppen und Interessen behaupten ja immernoch, dass selbst bei Facebook "nicht alles dauerhaft und letztgültig löschbar" sei. Das ist schlicht interessengeleiteter Unfug, welcher durch die Tatenlosigkeit von Heimatstaaten der Dienste bzw. Nutzer begünstigt wurde.
Es interessierte schlicht niemanden - damit war der Weg für neue Normen frei, welche nur schwer zu kassieren sind. Denn auf dieser Basis wird dann immer wieder mal laut, es ginge gar nicht anders und sein nunmal die Art, wie "man", also die Nutzer, nun mit solchen Informationen umgingen.
Dies verkennt aber die Steuerungsfähigkeit und -notwendigkeit gesellschaftlicher Institutionen.

Geht man zum Bäcker und kauft sich ein Brot, so isst man es und bewertet die Leistung, Qualität, anhand des "eigenen Geschmacks", bio-genetischer Prädispositionen, etc., sowie Preis im Vergleich zu anderen Angeboten.
Selbst wenn das erste Brot geschmeckt haben sollte, muss der Bäcker beim nächsten Mal erneut durch mindestens diese Qualität überzeugen und im Preis, außer Rohstoffkosten, etc., nicht massiv zulegen.
Schafft er dies nicht, wird bei einem anderen Anbieter gekauft.
Der Bäcker dürfte daher meist nicht durch schiere "Größe" wachsen.
Bei Google ist das anders, dem Internet und "sozialen Netzwerken" allgemein. Je mehr Nutzer diese nutzen, desto wahrscheinlicher ist, dass weitere Benutzer hinzukommen und man es daher selbst auch irgendwann nutzen muss. Weil durch die Verlagerung bspw. von privatwirtschaftlichen Vertriebswegen mit zumutbarem Aufwand extern oder real kaum noch ähnliche Produkte bezogen werden können.
Beredtes Beispiel ist die Deutsche Bahn AG, welche den Umsatz an ihren Fahrkartenautomaten, eine "virtuelle Einrichtung", und über das Internet, "Online-Ticket", immer weiter steigert während die persönliche Schalterbetreuung und deren Umsätze tendenziell abnehmen. Nachfolgende Generationen nutzen dieses Angebot selbstsicher und - selbstverständlich und machen daraus eine Art "Lifestyle".
Daraus erwächst dann irgendwann ein "hype" und jeder will dabei sein.
Schon ist die Piratenpartei, vorallem die veröffentlichte Hysterie, begründet.
Außerdem nutzt, wie man an den letzten Änderungen zu Datenschutzrichtlinien sehen kann, bspw. Google die einmal eingegeben Daten ständig und dauerhaft, auch in anderen Diensten und zum Weiterverkauf oder Verknüpfung, wozu diese eigentlich nicht erhoben wurden.
Es galt mal der Grundsatz "informationeller Selbstbestimmung" und ua. das Bundesverfassungsgericht legte mal fest, dass Daten nur insofern verwendet und verarbeitet werden dürfen, für deren Zweck sie erhoben wurden. Also eine mittlerweile aufgehobene und lächerliche Erhebens-Zweck-Verwendungs-Kette.

Der Bäcker besitzt meine Daten nicht, er kann nicht darauf hoffen, dass ich immer wiederkommen werde. Google aber kann dies, weil sie erstens meine Daten besitzen, ich diese zweitens nicht zuverlässig zurückbekomme oder löschen kann und drittens immer mehr Nutzer diese Dienste nutzen und man selbst es daher fast gezwungenermaßen ebenso tun muss.
Im StudiVZ bspw. existiert auch nach Jahren keine Funktion zur "Sicherung der Daten", auch Facebook sucht sich letztlich selbst aus, welche Daten den Nutzern zum Download zur Verfügung gestellt werden.
Solche Zustände sind dauerhaft nicht haltbar, bedürfen stetigen oder einer allgemeinen Revision/en.

Noch ist das Gefahrenpotenzial von Großunternehmen wie Google oder Facebook vermutlich nicht so groß wie das der "realen Finanzinstitute" gemäß 2008 und folgende.
Eine nach normalen Maßstäben verlaufene Finanz- und Bankenkrise hätte ohne Eingriffe von Staaten, Notenbanken und Steuerzahlern zu einem noch deutlich größeren Kollaps geführt oder führen können.

Wo könnte sich das aber ändern? Wo liegen weitere Potenziale dieser Firmen, die dann irgendwann auch Probleme verursachen können?
Man könnte sich bspw. den Fortgang der "Privatisierungsideologie" vorstellen, diesmal bezogen auf Datennetze, Internet- und Kommunikationsinfrastruktur, vornehmlich des Staates.
Irgendwann wird es Menschen geben, die behaupten, die "Internetaktivitäten" der Verwaltung könne "im Paket" mindestens ebenso gut, aber "deutlich günstiger" von "erfahrenen Unternehmen" betrieben werden. Ob Google direkt jetzt darunter fällt, fraglich - ist wohl eher nicht dessen Geschäftsmodell.
Aber ohne Google geht heute, gerade was die Internetsuche angeht, kaum noch etwas. Daraus erwächst Erpressungspotenzial.
Die, die das Internet für seine angebliche "Demokratisierungsfunktion" loben oder die mit Hilfe dessen "Veränderungen" anstoßen oder erzeugen wollen, wie eben die Piraten, verkennen Ursachen, Strukturen und Folgen und thematisieren die eigenen Ursprünge und mögliche Probleme zu wenig.
Verständlich, gibt es "real", also im politischen System doch immernoch mehr als genug, findet sich für jedes halbwegs freiheitliche Anliegen auch ein Interessent.
Keine Infrastruktur aber existiert voraussetzungslos.
Je mehr Daten irgendwo lagern, desto wahrscheinlicher sind nicht nur Angriffe, sondern desto wichtiger werden die Unternehmen und Bestände auch für die Nutzer selbst.

Der Bäcker kann, außer für ihn und seine mgl. Familie, "problemlos" pleitegehen. Das sieht man ja letztlich auch bei Schlecker - entweder sind die Sozialsysteme so (gut) ausgelegt, dass ein Bankrott auch für die Mitarbeiter abgefangen werden kann, oder man muss die Systeme verändern.
Weshalb gerade dann Parteien wie SPD oder Grüne, die jahrelange Regierungsparteien gewesen sind, nach "Transfergesellschaften" schreien, ist unklar und mutet kurios an.

Kann Facebook ohne weiteres in die Pleite gehen? Wie funktionierte dort die "Rückgabe der Daten" und wie Insolvenzverfahren?
Gehörte zur "Insolvenzmasse" nicht auch der gesamte Datenbestand des Unternehmens, gespeichert auf dessen Servern, wofür sie mit mindestens rechtlich sehr zweifelhaften "AGBs", sofern sie den Namen überhaupt verdienen, die "alleinigen Nutzungsrechte" über gewisse Grenzen, auch des Netzwerks, hinaus erwarben?
Wenn Banken durch Aktienkäufe Eigentumsanteile am Unternehmen erwerben, erwerben sie auch die Möglichkeit zur Verwertung möglicher Insolvenzmasse. Bedeutet das dann evtl. Weiterverkäufe der Daten an andere Unternehmen, mglw. neue "Netzwerke" mit Verwertungsinteresse?
Und wo bleibt da der Nutzer, dessen Daten dann anscheinend noch "freier" im Internet zirkulieren als ohnehin schon?

Die Reaktionen gehen dann meist in die Richtung, man müsse ja daran nicht teilnehmen, könne es lassen und sei ansonsten für eigene Handlungen verantwortlich.
Aber wo leben wir denn bitte? Das sind Aussagen aus vergangenen Zeiten, als Unternehmen noch das angeblich "beste Interesse Aller" im Sinne hatten und deshalb so frei wie möglich agieren sollten.
Es gibt aber einen gewissen Zwang, sich an solchen Dingen zu beteiligen, gerade wenn gewisse notwendige Infrastruktur immer stärker ins Internet oder zu solchen Unternehmen verlagert wird.
Ein weiteres Beispiel könnte die elektronische Gesundheitskarte (eGK) werden, welche Informationen auf zentralen Servern speichert und damit Angreifbarkeit und Erpressbarkeit erhöht.
Man kann ab einem gewissen Zeitpunkt schlicht nicht mehr entscheiden, ob man sich daran beteiligen möchte oder nicht, denn der Staat, im Sinne Abstimmung des Gesetzgebers mit den Akteuren des Gesundheitssystems, einigten sich darauf, dies irgendwann zwangsweise einzufordern bzw. durchzusetzen.
Die Preise für am Schalter gekaufte Bahntickets dürften absehbar so stark zunehmen, dass sich gewisse Teile der Gesellschaft den Kauf über diesen Verteilungsweg nicht mehr sinnvoll leisten können.
Wo bleibt da die "Freiheit"? Oder auch nur die "Demokratisierung" durch das Internet?
Die Wege dafür, für zunehmende Partizipation, mögen erweitert und zahlreicher werden - die Grundlage, die Architektur, die Systeminfrastruktur selbst ballt aber wiederum gewisse Funktionen bei eher wenigen Anbietern und bedingt damit erhöhte Erpressbarkeit.
Dieses Phänomen existiert auch ganz real und seit Jahrhunderten: "Märkte" neigen zu Monopolisierungen um Maximalrenditen zu erzielen bzw. durchzusetzen.

Wann kommt also jemand, der die Verkleinerung oder Aufspaltung Googles oder Facebooks fordert?