Freitag, 11. Dezember 2009

#Twitter - Web2.0 und Online-Communities am Beispiel #studivz und #bildungsstreik

Die eben getätigte Twitter-Tag-Suche nach "#N115" brachte ansatzweise etwas zutage, wovon ich seit geraumer Zeit rede.
Keine großartige Neuerung, so oder ähnlich alles in anderen Medien schon vorgekommen.

In Zeitungsartikeln, also Content, bezieht/bezog man sich normalweise auf erfundenes oder real stattgefundenes, Personen, Ereignisse, Meinungen oder Kommentare.
Den Realitätsgrad konnte man doch irgendwie fassen.

In einem über Twicker.net bezogenen Tweet, leitet der User "OSchleicher" ein Bild an seine Follower und die Tags "#N115", "#Bildungsstreik", "#TU" sowie "#Chemnitz" weiter.
Auf diesem seien nach eigenen Aussagen "Gruppen", ein Feature der Online-Community, in diesem Falle StudiVZ, zu sehen und zwar von
"einem der Streikenden",
genauer

"(Domaininhaber vo (cont)".

Auf diesem Bild ist ein Profil des Users "Maximilian Schneider" und als einzige Informationen solch illustere Gruppen wie "Arbeit ist Luxus und Luxus können wir uns nicht leisten" oder "Kapitalismus abschaffen" ersichtlich.

Insofern gab der Profilinhaber, der nicht mit dem angegebenen Namen übereinstimmen muss, seine Gruppen zur öffentlichen Einsichtnahme frei.

Der Twitterer "OSchleicher" wollte mit einem solchen Tweet mutmaßlich auf eine "Gesinnung" des "Domaininhabers" und einer der Hauptprotagonisten des Streiks hinweisen; dies kann eigentlich nur mit negativem Touch geschehen sein, ansonsten muss nicht explizit auf die "Gruppen" verwiesen werden. Es hätte auch genügt mitzuteilen, man habe ein Profil gefunden.
Der Verweis auf die Gruppen soll den Betrachter auf etwas aufmerksam machen.

Später, nach 2 Stunden etwa, retweetet, das heisst, dass ein Twitterer einen Tweet an die eigenen Follower und unter seinem Nick mit Tags an alle anderen weitergibt, ein anderer Twitter-User mit dem Nick "JN_Chemnitz", unschwer als Account der "Jungen Nationaldemokraten Chemnitz" zu identifizieren, den von "OSchleicher" erstellten Tweet.
In diesem wird der Satz "Was in Chemnitz alles streikt!" sowie "Gruppen des Inhabers von bildungsstreik-chemnitz.de" verwendet.
Letzterer Einschub ist nicht kritikwürdig, er entstellt den ursprünglichen Tweet nicht, vielmehr zeigt er pressiert auf, worum es geht, was beim ersten nicht sofort deutlich wird.
Ein eigener Kommentar vor einem "RT", als Einleitung des Retweets und Übergabe für Twitter, ist usus.
Doch wird durch das bewusst gewählte Wort "Was" eine bereits latent menschenverachtende Gesinnung deutlich, beschreibt der Autor eine mutmaßlich hinter dem Profil stehende Person als Sache, als Gegenstand.
Dies ist mindestens eine Verächtlichmachung und Agitation.
Der nachfolgende Verweis auf die Gruppen und das ursprüngliche Bild tut sein übriges nach dem ersten Kommentar weiter Kritik und Wut zu schüren.

Eine Stunde später "ärgert" sich der ursprüngliche Twitterer über einen "falschen" Retweeter, der seinen Tweet in ein "falsches Licht" gerückt habe.

Nun ist es unzweifelhaft klar, dass der Post durch den Kommentar vor dem Retweet einen Einschlag bekam, der so vorher offensichtlich nicht intendiert war.
Deutlich wird an diesem Beispiel auch, wie weit die Verzahnung von reinen Online-Informationen, also in dynamisch abgefragten Datenbanken, mit realitärer Wahrnehmung und Befassung bereits fortgeschritten ist.
Sehr viele Studierende verfügen aus welchen Gründen auch immer mittlerweile über Profile in Online-Communities, so auch und gerade im StudiVZ.
Normalerweise gibt dies keinen Grund zum Anstoss, wenngleich viele sogar ein die Echheit zumindest nahelegendes Profilfoto beigeben.
In diesem Falle ist nicht einmal das gegeben, weshalb man zumindest einkalkulieren muss, dass es sich auch um ein Fake-Profil mit einem erfundenen Namen handeln könnte.
Dies wird aber nicht getan; entweder ist man sich sicher, die richtige Person und damit die Identität dieser mit dem Profil zu kennen oder es interessiert schlicht nicht.

Der Post des Users "OSchleicher" legt aber nahe, dass er mit dem Inhaber des Profils zumindest nicht sehr eng befreundet sein dürfte, sonst hätte er die Kritik wohl nicht zuerst und womöglich einzig über Twitter verbreitet, Kompetenz und Nachdenken einmal vorausgesetzt.

Falls die Identität als gesichert gelten kann, ist es trotzdem außergewöhnlich auf welcher Basis sich welche User echauffieren. Auf Basis eines Community-Profils, welches einzig Gruppen freigegeben hat.
Ehedem muss man annehmen, dass der ursprüngliche Ersteller mit den Gruppen eine Art "Statement" setzen wollte, doch kann man selbst dann nicht auf die Authentizität des Users oder auch auf die einhundertprozentige Übereinstimmung mit den Gruppennamen oder Inhalten schließen.
Zumal der Raum für Differenzierungen aufgrund solcher Gruppen vollkommen fehlt. So muss man nicht an einer Neuauflage der Rotan Armee Fraktion (RAF) arbeiten um in der GRuppe "Abschaffung des Kapitalismus" richtig zu sein.

Hier wird also ein Inhalt zur Basis eines neuen Inhalts gemacht, ein Profil zur Basis eines Tweets, der wiederum Basis für einen anderen Tweet ist.
Ob es dem Außenstehenden oder Leser möglich ist, diese Grundlagen real nachzuvollziehen ist an sich irrelevant.

Deutlich wird, wie Menschen oder Inhalte mittlweile auf Profile reduziert werden können und wie problematisch es sein kann, Inhalte in diesen freizugeben.
Denn egal ob der Name des Profils mit einer natürlichen Person übereinstimmt oder nicht, letztere dürfte gegebenenfalls Probleme haben sich glaubhaft von den anscheinend als wichtig und diskussionwürdig betrachteten Gruppen zu distanzieren.
Ungeachtet möglicher anderer Nachteile durch Bekanntwerden dieser, wobei ursprünglich mit öffentlicher Freigabe eher gerechnet werden musste.

Zum anderen das Faktotum des Kontrollverlusts eigener Urheberrechte und einmal ins Internet gestellter Informationen. Sie sind für jedermann zugänglich und können auch unterschiedlich interpretiert werden.
Die Aussage, ein "falscher Twitterer" habe eigene Inhalte in ein "falsches Licht" gerückt mag nachvolziehbar und richtig, aber doch wohlfeil sein.
Mit dem Klick auf "Update" gibt man das Recht am eigenen Post ab und solange keine groben Rechtsverstöße vorliegen, können andere User retweeten oder damit tun und lassen, was sie wollen.
Die Kategorie "falscher Twitterer" ist auch fragwürdig, impliziert sie doch die Unterscheidung zwischen "falschen" und "richtigen". Manichäische Kategorien. Und diese bringen aufgrund maximalem Subjektivismus recht wenig.

Dies und die Reduktion eines Menschen, oder die antizipierte mutmaßlich wahrscheinlich korrekte Wahrnehmung desselben einzig über ein Profil ist eine neue, andere Qualität.
Es ist ein anderes Verständnis von Communities und "Vorverurteilung".