Donnerstag, 24. Dezember 2009

'Das Spiel ist vorbei'

Nun sitze ich doch noch hier und überlege erneut etwas zu bloggen.
Dabei kommt mir wieder der Ausspruch, mein Ausspruch, der Jahre 2008 und 2009 in den Sinn:

"Das Spiel ist vorbei".

Ich münzte und münze das hauptsächlich auf die Banken in der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise.
Nach marktwirtschaftlichen Kriterien - welchen wir uns stets allenthalben und in allerwelt rühmen - waren die meisten Geschäftsbanken Deutschlands und der westlichen Welt vermutlich de facto pleite.

Damit meine ich reine Bilanzen und Finanzierungsliquidität sowie altbekannte Fristentransformationsgeschäfte.
Ich schrieb schon häufiger davon.
Dieter Wermuth schrieb am 23. Dezember im Herdentrieb-Blog "Sparsame Haushalte, unfähige Banker"

"Die EZB kann nicht viel machen. Sie ist ebenso wie wir alle in der Geiselhaft der Banken."

Jede Bank, die eine gewisse Bilanzsumme erreicht oder überschreitet, wird zum Bedrohungspotenzial für eine gesamte Volkswirtschaft und durch das möglicherweise Fallen letzterer auch global.
Die schiere Größe einer Bank bedingt ein größeres Geschäftsvolumen, mehr Beteiligungen, größere Marktanteile und daher wiederum Streben nach Monopolisierung des Marktes, wie es sich für jedes gute kapitalistische Unternehmen interessehalber geziemt.

Hier reiße ich kurz ein Anekdötchen an, dem ich mich später noch eingehender widmen werde.
Eventuell fiel dem ein oder anderen die Nachrichtenflut bzgl. Konzerne mit aufgedeckten Preisabsprachen, sogenannten "Kartell"-Bildungen auf.
Da gab es Stahlproduzenten oder neulich Kaffeehersteller wie Tschibo.
Interessant daran: Unternehmen fordern den "freien Markt" und "Wettbewerb" mit Löhnen und Preisen, die diesen Prinzipien unterworfen sein sollen.
Preisfestsetzungen aufgrund sozialer Belange lehnen sie, wenn nicht gänzlich so doch umfangreich, ab.

Ironie, ruft man sich ins Gedächtnis, was Kartelle sind: Absprachen zur gezielten Preisregulation, damit zur Umsatz- und Gewinnregulation unter Ausschaltung des "Wettbewerbs" und "Marktes".
Man merke also: Absprachen, die Unternehmen feste Umsatz- und Gewinnmargen sichern sin in Ordnung und erstrebenswert. Mithin gibt es keinerlei Gewissensbisse, auch nicht theoretischer Natur.
Lohn- und Sozialabgabenfestsetzungen aber seien von Übel, da sie den Umsatz und Gewinn schmälerten.
Je nach eigener Interessenlage lässt sich also vielerlei begründen - eigentlich lächerlich, wenn man sich den Zusammenhang kurz vor Augen führt.


Aber zurück zu den Banken.
Wenn eine Bank erst eine gewisse Größe erreicht hat und zahlungsunfähig wird, was durch zu hohe Verschuldung, zu hohe Leverages, Kunden- und Einlagenflucht, Gewinneinbrüchen im Investmentbanking durch Kurseinbrüche an internationalen Börsen, sinkende Immobilienpreise, verschlechterte Zahlungsmoral oder schlicht Zahlungsunfähigkeit der jeweiligen Schuldner schnell passieren kann, ist ihre Pleite nur mit Auswirkungen auf andere Institute sowie den Interbankenverkehr zu haben.

Immer wieder wurde in der "Finanz- und Wirtschaftskrise", die mittlerweile als Rechtfertigungs- und Erklärungsmuster ähnlich wie "Religion" für alles herhalten darf, der entstandene "Vertrauensverlust" unter den Banken und Intermediären angemahnt. Diesen habe es herzustellen gegolten um das System selbst zu stabilisieren.

Ich halte dagegen und behaupte, dass die Größenverhältnisse der Institute das wahre Problem darstellt und darstellte.
Wenn es soweit gekommen ist, dass eine Insolvenz einer Bank zur Pleite einer anderen führt und sich dies wie ein Domino-Spiel fortsetzt, lief schon grundsätzlich etwas falsch.
Mit "Vertrauen" hat das dann bestenfalls am Rande zu tun.
Gerade die Verfechter des "Marktes", vulgo "freien Marktes", also Wirtschaftsliberale und andere, vermieden und versäumten es, die Größe gewisser Wirtschaftseinheiten zu regulieren und begrenzen, damit deren ggf. notwendiger und sinnvoller Untergang nicht zum Untergang weiterer, möglicherweise Unbeteiligter, führt.
Das - nichts anderes - ist die eigentliche Tragik an der ganzen Sache, dass die, die stets für Selbstregulierung und -heilungskräfte eintraten es versäumten die Grundlagen dafür zu legen.
Weil ihre Auffassung oder "Theorie" nur auf der Basis teilweise Negation derselben funktionieren und basierend fussen kann.
Über diesen Graben wollte oder konnte man nicht springen und gab sich dann umso überraschter, dass gewisse Unternehmen eben nicht pleite gehen "können", selbst wenn es mglw. noch so "marktlich notwendig" wäre.

Für meinen Teil, der ich es meist radikal durchdenke, desavouiert sich die "Marktwirtschaft" damit selbst.
Denn entweder kann ein jedes private Unternehmen bei schlechtem Wirtschaften - und eine Überschuldung und ggf. Zahlungsunfähigkeit sollte man wohl als solches bezeichnen - bankrottieren und damit vom Marktgeschehen ausgeschlossen werden, oder nicht.
Wenn dem nicht so ist - und dafür reicht schon ein einziges Beispiel - kann und darf man eben nicht von der so hoch-gelobten Marktwirtschaft sprechen, wie es getan wird.
Andererseits könnte man auch wie oben sagen, dass die notwendige Kartellgesetzgebung einfach versagte.
Was am Ergebnis nichts ändert.

Bislang sehe ich auch keine Zeichen des Gegensteuerns.
Die Deutsche Bank übernimmt den Privatkundenteil der Deutschen Post, bald dürfte sie sich die Postbank vollends einverleiben. Weshalb ihre Bilanzsumme wachsen dürfte.
Der vom Steuerzahler zumindest unterstützte Fusionsprozess der Commerzbank mit der Dresdner Bank dürfte in den kommenden zwei bis drei Jahren abgeschlossen sein. Folge? Höhere Gewinne, höhere Marktanteile für dieses Konglomerat.
Noch eindrücklicher kann man diese von vielen vor Jahren schon ersehnte "Konsolidierung", mithin nichts anderes als eine Aufteilung vorher durch viele Unternehmen, also "Wettbewerber", besetzte Marktsegmente auf wenige größere, in den USA und Großbritannien sehen.
Dort wurden teils ganze Banken in Nacht- und Nebelaktionen in andere Institute einverleibt und Marktanteile ausgeweitet.

Bei Banken bedeuten höhere Bilanzsummen und höhere Marktanteile aber sofort höheres Erpressungspotenzial, denn eine Pleite dieser Bank zöge die Pleiten anderer nach sich, was wiederum zur Instabilität des ganzen Systems führen kann.
Daran ändern verschäfte Eigenkapitalregeln grundsätzlich auch nichts, führen sie doch zu einer vermehrten Unterlegung von "Fremdkrediten" mit "eigenem Geld" und reduzierten damit ggf. den Leverage oder Kreditvergaben.
An der Größe einer Bank sowie deren Marktanteilen ändert das wenig.

Um auf meinen obigen Spruch zurückzukommen: Wenn es wirklich eine "Marktwirtschaft" gäbe - und einige wollen dies - aus der sich der Staat entweder ganz oder zumindest weitgehend herauszuhalten hat, dann hätte es weder Eigenkapitalhilfen für eine Commerzbank noch Bürgschaften für Landes- oder Privatbanken geben dürfen.
Wenn dieses Vorgehen aber richtig gewesen sein sollte, muss man etwas ander Argumentation anpassen.
Allerdings, darauf wies ich auch schon hin, wird der Staat hierdurch keineswegs zum souveränen Akteur, wie es manche gern lobpreisen, er wird nur zur erpressbaren und erpressten Instanz.
Mithin eigentlich der letzte Mosaikstein für die Erkenntnis der Erpressbarkeit der Menschen und der Fehlerhaftigkeit des Systems. Denn normalerweise sollte man solchartiges gar nicht so öffentlich ausbreiten oder publik machen, wenn es nicht unbedingt notwendig wird.
In den Jahren 2008 und 2009 ging es aber um Summen, die man nicht einmal eben so unter dem Tisch hinüber schieben konnte.

Hätte es keinen Steuerstaat gegeben, der Hilfen und Bürgschaften ausgesprochen hätte, wo stünden wir dann heute?
Könnte ich dann noch vor meinem Notebook sitzen, hätte ich überhaupt noch den ständig verfügbaren Strom um es zu betreiben?
Utopischer Quatsch, mag man wieder einmal einhaken.
Doch wie sehen die Konsequenzen einer Insolvenz des deutschen und ggf. westlichen Bankensystems aus?
Wenn unsere Wirtschaft auf tagtäglich refinanzierte Unsummen an kreditären Geldmengen basiert um Kraftwerke laufen zu lassen und Investitionen in Leitungen und Infrastruktur durchzuführen?
Zwischenzeitlich witzelte ich, die marodierenden Banden könnten wohl irgendwann wieder mit Mitgabeln und Pistolen durch die Straßen ziehen und nach Gold oder Lebensmitteln Ausschau halten.

Ich wurde eines besseren belehrt, aber nur, weil etwas eigentlich systemfremdes geschah.
Und niemand sich ernstlich aufregte, es sogar als "Notwendigkeit" verkauft werden konnte und sich auch niemand über die beklagten, die Jahrelang behauptet hatten, genau das Gegenteil müsse gelten.

In Wahrheit gingen (Privat-)Wirtschaft und Staat Hand in Hand um beide zunächst wenigstens zu überleben.
Denn ohne funktionierendes Bankensystem gerät auch ein Staat schnell in Bedrängnis - oder wie soll er an das Geld erstens nicht mehr funktionierender Unternehmen, also bspw. Lohnsteuerabzüge, oder Arbeitnehmer- und Steuergeld durch nicht mehr funktionierende Girokonten kommen?
Hierzu griff dann das System "Politik" zu "Verstaatlichungen", eigentlich falsch, denn "dem Staat" gehört nichts neues, im System der "Wirtschaft" um sich zunächst selbst zu erhalten.
Meine Auffassung, die "Demokratie" mutiere zur "Dikatur", wenn sie selbst in Gefahr sei, lässt sich auch an der eher bürgerlichen Umschreibung desselben mit "wehrhafter Demokratie" in anderem Zusammenhang besehen.
Allerdings ist es wohl das Staatswesen selbst, dass insofern "mutiert", schließlich ist auch in nicht-Demokratien ein gewisses Maß an "Privateigentum" vorstellbar, wiewohl dies wohl stets als Konkurrenz zum Staat und territorialen Herrschaftsanspruch gesehen werden müsste.
Ohne Umschweife kann man also behaupten: Es wäre so lange verstaatlicht worden, bis das "System" also solches als stabilisiert gegolten hätte.

Dass dies international geschah ist aus zweierlei Sicht bemerkenswert: Erstens lieferte es die Argumente für solche Methoden und Vorgehensweisen, schließlich geschehe es ja international und jeder Staat müsse bei sich selbst "für Ordnung sorgen" um auch anderen zu helfen und andere bei ihren Maßnahmen so indirekt zu unterstützen.
Damit wurden auch Eigenkapitalhilfen, Bürgschaften oder Deviseninterventionsmaßnahmen der Staaten resp. Notenbanken legitimiert.
Die Wirkung dieser massiven Argumentationshilfe für die letzten Monate ist, zweitens, meiner Ansicht nach gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Bei jedem größeren Thema beginnt man mit der Einleitung "Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise...". Detaillierte Zusammenhänge und Kausalitätsrelationen werden dabei weit weniger bedeutend.