Freitag, 25. Dezember 2009

[Kommentar] 'Wirtschaft und Moral: Liebe in Zeiten des Marktes'

Verklärende Worte muss ich gerade in einem Beitrag auf FAZ.NET lesen, Thema "Wirtschaft und Moral: Liebe in Zeiten des Marktes".

Zunächst klingt die Überschrift ganz interessant, gerade der Dualismus "Wirtschaft" und "Moral" verspricht einen (Selbst-)kritischen Unterton zu treffen.
Doch gleich der Nachsatz "Liebe in Zeiten des Marktes" motivierte mich fast schon nicht weiterzulesen.

In letzter Zeit werde ich äußerst skeptisch, wenn ich die Wendung "in Zeiten des/der" irgendwo lese.
Leider verwendete ich sie selbst und tue das auch heute noch ab und an, obgleich ich dies zu vermeiden suche.
Denn stets geht damit nicht nur etwas historisierendes, sondern ein zum Dogma gewandter "Exklusivitätsanspruch" eines Ereignisses oder einer Tat einher.
Darauf fussend werden meist Einstellungen und Maßnahmen gefordert, sie sich meist von allem bisher dagewesenen prinzipiell zu unterscheiden hätten.

Ich zitiere hier mit nachheriger Kommentierung Teile des von der FAZ zitierten Beitragsauszugs aus dem Buch Roger de Wecks, ohne detailliert auf alles eingehen zu wollen oder zu können.

"Verliebtheit ist unökonomisch, der verliebte Mensch unternimmt Sinnloses, Zweckloses, Nutzloses, Hoffnungsloses."

Ob ich das anzweifeln soll?
Ja, ansatzweise könnte ich das. Wer sagt, dass der sich "verliebende Mensch" keinen Positivnutzen daraus zieht?
Nur weil er - oder ein anderer Betrachter - es nicht sofort so empfindet, bestätigt es nicht die These.
Das "Sich-verlieben" könnte auch einer Rationalität folgen, die zu einer Verhaltensänderung des Individuums sowie des angehimmelten Individuums folgt. Schließlich zielen gerade die Dinge, die de Weck als "Sinnloses" und "Nutzloses" bezeichnet, auf eine Verhaltensänderung oder zumindest -beeinflussung des anderen Individuums.

"Dessen ungeachtet ist die Kinderliebe der Eltern so bedingungslos wie die Elternliebe der Kinder. Beide beruhen nicht auf Geben und Nehmen."

Das ist schon insofern falsch, da jede "Liebe" ursprünglich auf mindestens einem "Nehmen" beruht: Nämlich das Nehmen des Lebens, resp. das Geben des Lebens durch die Eltern.
Eigentlich ein egoistisch-biologistischer Fakt, doch idealisieren und emotionalisieren wir ihn und erreichen damit eine Überhöhung und höhere Wertigkeit.
Eine Elternliebe der Kinder könnte also niemals stattfinden, wären diese nicht zuvor geboren worden. Was wiederum eine "Leistung" bzw. Handlung der Eltern voraussetzt.
Also nichts "bedingungsloses".


"Die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft hat Freunde gar nicht vorgesehen."

Vielleicht tut sie dies nicht, weil sie die zwischenmenschlichen Beziehungen auf rationaler Basis zu erklären sucht?
Und wer sagt, dass "Freundschaft" keiner wie auch immer gearteter psychologischen Verwertung einer Person beruht?
Lässt sich jemand bspw. in einer als "Freundschaft" empfundenen Beziehung ausnutzen, so sollte er daraus - theoretisch - einen Nutzen ziehen oder aufgrund höherer Opportunitätskosten andere Handlungen erwägen.


"Warum arbeiten Menschen gemeinnützig?"

Weil sie erwarten oder hoffen, dass auch andere dies tun?
Oder wir müssten alle Erwägungen bzgl. "Positionsnutzen", "Selbstbestärkung" und "Streben nach sozialem Status" ad acta legen.


"Wieso setzt ein Passant sein Leben aufs Spiel, um einen Ertrinkenden zu retten?"

Wenn er es nicht tut, passiert ihm nicht.
Sehen andere aber seine offensichtliche Verweigerungshaltung, so könnten sie ihm erstens negativ gegenüberstehen, eine soziale Exklusion seiner Person betreiben oder ihm ebenso Hilfe in Notsituationen verweigern.
Höhe "Kosten" in jedem Falle.


"Der Darwinsche Kampf ums Überleben hat die Spezies Mensch nicht nur auf Konkurrenz getrimmt, sondern auch auf Solidarität."

Weil Solidarität dauerhaft weniger kostet als brutaler Wettkampf.


"Auch Liberale, die das Individuum in den Mittelpunkt rücken, müssen es als soziales Wesen begreifen. Es braucht gelingende Beziehungen zu seinen Mitmenschen wie die Luft zum Atmen; ohne Zuwendung und Zuneigung verdorrt es."

Das ist zu bezweifeln; Es wäre zu keinem Fortschritt fähig oder mglw. nicht dauerhaft überlebensfähig.
Aber daraus ein Zwang zur Gesellschaftlichkeit abzulesen, geht zu weit.


"Der Kapitalismus scheitert, wenn er sich zu sehr auf diesen homo oeconomicus - etwa auf den Bonus-Banker - stützt und ihn sogar heranzüchtet."

Jetzt weiß ich auch, was der Beitrag selbst soll.
Das ist so natürlich viel zu eindimensional. Theoretisch kann es bei allseitig zweckrationalen Marktteilnehmern nicht zu solchen Verwerfungen kommen, da diese Verwerfungen selbst auf Irrationalitäten beruhen.
So die graue Theorie.


"Heute beherrscht der Markt die Gesellschaft, statt ihr zu dienen."

Das allerdings sehe ich ebenso.


"In einer enthemmten und enthemmenden Wirtschaftsdoktrin liegt der tiefere Grund für die Krise. Der Markt ersetzte sowohl die Moral als auch die Politik."

"Der Markt" ersetzte nicht "die Politik", letztere ließ sich bereitwillig ersetzen, bzw. sah dies als sinnvoll und notwendig an.
"Der Markt" ist kein höheres Wesen, wird konstitutiert und bedingt nur durch Menschen.


"Einen "freien Markt" kann es nicht geben. In Peter Ulrichs Worten: "Es gibt gar kein von ethischen und politischen Voraussetzungen freies marktwirtschaftliches System.""

Auch das findet meine Zustimmung.


"Je stärker sich Menschen zusammengehörig fühlten, desto bewusster befolgten sie Regeln des Zusammenlebens, erläutert der Psychoanalytiker und Ethnologe Mario Erdheim."

Desto stärker wirken soziale Kontrollmechanismen und individuellle Verhaltensbeeinflussungen träfe es wohl besser.
Denn auch dem muss Kritik entgegen gebracht werden, was der Verfasser auch täte, wäre er nicht einseitig unkritisch.