Samstag, 2. Januar 2010

Wikipediasuche: Kritik der 'Emotionalen Intelligenz'

Gestern durch eine Überblickssuche auf Wikipedia über "Emotionale Intelligenz" gestolpert.

Von vielen wird ja mittlerweile fast gebetmühlenartig und quasi-religiös erzählt, man benötige nicht nur "hard skills", also Schul- und Ausbildung sowie Berufsqualifikation, sondern auch sogenannte "soft skills", also in deren Augen "Menschen- und Persönlichkeitsbildung".
Interessant nur wieder einmal, dass das eine zumindest hinreichend, wenn auch nicht immer sinnvoll, "objektiv" messbar ist, das andere nicht.
Doch scheint sich zumindest ein Gleichlauf beider anzudeuten.
"Hard Skills" bewertet unsere Gesellschaft mit Zugang zu einer Ressource, in diesem Falle bspw. Bildung, und fordert von einem Individuum gewisse Leistungen die sie dann mit Zertifikaten quittiert.
Diese Zertifikate bedingen wiederum den weiteren Zugang zu Ressourcen und Zertifikaten.

Ich kopierte daher in einer Äußerung eines Soziologieseminars kürzlich den Begriff der "Zertifikategesellschaft", die mit diesen Mitteln abstrahiert.

Wenn ich dann die im Wikipedia-Artikel wiedergegebene Definition bspw. als "Erfolgsintelligenz" oder "Empathie" und "Soziale Kompetenz" lese, denke ich unweigerlich an subtile Manipulationsstrategien und Systemstabilisierung.
Speziell "Empathie" mit der Definition

"emotionale Befindlichkeiten anderer Menschen zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren"

legt dies geradezu nahe. Was heisst "angemessen darauf zu regieren" im Einzelfall?
Im Kern bedeutet es, anderen zu sagen was sie hören wollen. Denn alles andere wäre eine Parameterveränderung für die Menschen regelhaft nicht besonders zugänglich sind.
So verweisen andere Definitionskomponenten später auch auf "Innovationsfreude", also intrinsische Motivation zur Änderung und Anpassung.
Hier scheinen latent hohe Verwertungsmaßstäbe mitzuschwingen, was im Modell Salovey und Mayer weniger im Vordergrund zu stehen scheint.

Weshalb ich "Manipulation" schreibe, sollte sich aus dem Zusammenhang ergeben: Wenn man Emotionen anderer nicht nur wahrnimmt, was schon nicht einfach ist, sondern auch noch bewusst einordnet, verarbeitet und "angemessen", also in irgend einer Form an das Individuum oder mindestens die Situation angepasst, reagiert, ist es möglich gewünschte Ergebnisse und Gedanken zu beeinflussen und erzielen.


Gerade in einer Gesellschaft die erkennbar zunehmend auf Dinge wie "Effizienz" aller wirtschaftlichen, erweiternd aber auch persönlicher Beziehungen wert legt, sollen sich die Individuen in Sachen "Emotionaler Intelligenz" qualifizieren?
Weshalb?
Um in Führungspositionen zu kommen oder diese zu behaupten und die "Effizienz" anderer Menschen positiv zu beeinflussen.
Auch hier also ein Verwertungsinteresse.
Das geht schon direkt aus dem Artikel hervor:

"Maßnahmen zur Beeinflussung des emotionalen Zustands anderer Personen zur Zielerreichung vorschlagen"

Personen werden damit Mittel zum Zweck.

Wenn ich dann kritisch angefügt lese, dass Studien auf die Unwirksamkeit dieses Konzepts zur "Menschenführung", vor allem auch in Betrieben,

"Die Untersuchung, welche unter anderem auch viele bisherigen Studien zur emotionalen Intelligenz mit einbezog, konnte beispielsweise unter 224 britischen Managern keinen nennenswerten Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und den beruflichen Fähigkeiten der Probanden nachweisen."

wird das gesamte Konzept, vorallem aber auch die massive Betonung durch gesellschaftliche Akteure fraglich.
Im Kern wollen sie eine Anpassung des Individuums an von ihnen für sinnvoll erachtete Strukturen erreichen. Indirekt wird klar gemacht, dass kaum oder keine Chance besteht, in gewisse Funktionen in Staat oder Gesellschaft zu kommen, wenn diese Anpassungsleistung nicht erbracht wurde oder wird.
Das ist aber betonenswert abgehoben von individuellen Qualifikationen.


"Systemstabilisierend" wirkt das ganze in zwischenmenschlichen, exklusiven monogamen Zweierbeziehungen, schließlich versuchen Menschen sich in der jeweils anderen Person wiederzuerkennen oder zumindest einen gewichten Teil des Selbst zu finden. So dieser nicht vorliegt, wird er idealisiert bis die Realität offensichtlich konfligiert.
Bis dahin ist es eine rationale Strategie Ungereimtheiten auszublenden und eigene Strukturen in den Vordergrund zu stellen.

Denn nicht nur aus der Unfähigkeit der (emotionalen) Selbstkontrolle entstehen Probleme, zunehmend auch über die mangelnde Expression von Gefühlen und deren Zielungenauigkeit und Irrationalität bei erstem Aufkommen.
Jemand der also mit der Selbstsuche des anderen umzugehen weiß, kann situativ stets näherungsweise richtige Angebote machen, muss er doch nicht mit größtmöglicher Unsicherheit umgehen.

Zitatbeispiel gefällig?

"Das führt dazu, dass die Messung der Emotionalen Intelligenz auch die Vorhersage von die Beziehung betreffenden und charakterisierenden Tatsachen wie beispielsweise der Orgasmushäufigkeit [...] erlaubt"

Insgesamt halte ich vom Konstrukt "Emotionale Intelligenz" wenig.