Donnerstag, 25. Februar 2010

Die #EKD, #Käßmann Überlegenheit und #Glaubwürdigkeit

Nun trat Margot Käßmann also doch zurück.

Wie mehrfach u.a. über Twitter verbreitet meinte, bzw. "hoffte", ich noch, sie und die Evangelische Kirche Deutschlands besinnten sich eines besseren und ließen es nicht zum Amtsverzicht kommen.
Vier Tage nach ihrer Autofahrt unter Einwirkung einer Blutalkoholkonzentration von 1,54 Promille trat sie von allen Ämtern, dem Ratsvorsitz der EKD sowie dem Landesvorsitz der Landeskirche.

Eigentlich wollte ich meinen Beitrag zum Anlass einer Generalkritik an Religion, Staat und Kirche nehmen.
Doch hatte ich heute schon mindestens ein längeres Gespräch zum Thema, bei dem ich mich reichlich verausgabte.

Zunächst verstehe ich Beweggründe Käßmanns selbst zurückzutreten und gemäß hierarchischer Organisation der Kirche, Ämteranreize und -konkurrenzen den auf die wahrscheinlich ausgeübten Druck.
Auch die Evangelische Kirche ist "nur" eine gegliederte Organisation egoistischer, kokurrierender Individuen mit Geltungs- und Machtbedürfnissen.

Hierbei komme ich gleich zu meinem ersten Argument, bzw. erster "Empörung" meinerseits.
In medialen Aufbereitungen, Leitartikeln, Kommentaren und teilweise Käßmanns Aussagen selbst ist immer von "Glaubwürdigkeit" die Rede.
Diese definiert sich meiner Ansicht nach nicht innerhalb oder in die Kirche hinein, sondern sinnvoll einzig öffentlichkeitswirksam und medial.

Chrakterbewertungen wie "Glaubwürdigkeit" spielen innerhalb von Organisationen eine eher instrumentelle, praktisch-pragmatische Rolle: So kennt man die meisten Akteure und versieht ebensolche mit Positionen die einem selbst nahe sind mit Attributen "positiver", also ausgiebig vorhandener "Glaubwürdigkeit". Ideologisch oder theoretisch ferne werden entweder gar nicht oder negativ bewertet. Nur selten dürfte einer Person mit anderer Auffassung "Glaubwürdigkeit" bescheinigt werden.
Das bedeutet, dass inner-organisatorische Willensbildung zumindest nicht hauptsächlich nach diesen Regeln oder mittels Ressource "Glaubwürigkeit" ablaufen. Sie kann das zumesserische Resultat sein.
Die "Glaubwürdigkeit" Käßmanns ist öffentlich, medial also übermäßig bedeutender als in die kirchlichen Strukturen selbst.
Und hier verlor sie zumindest in meiner Bewertung nichts.
Allerdings ging ich auch niemals davon aus, dass eine Person ihrer Position keinen Alkohol zu sich nähme.
Die bislang einmalig festgestellte und notwendig gerügte Fahrt in diesem Zustand ändert nichts an der Richtigkeit bspw. ihrer Afghanistan-Einlassungen zur Sinnlosigkeit eines Krieges der mit konventionellen Mitteln nicht zu gewinnen ist.
Oder was eventuelle Einmischung der Kirchen in politische Diskurse betrifft.

Im Allgemeinen befand ich, der an sich kirchen- und religionsfern verortet ist, gerade Frau Käßmann als einen erfrischenden, weil kommunikativen und eindeutigen Akteuer.
Ich bewerte ihre Aussagen thematisch-inhaltlich und zwar zu einem bestimmen Thema und nicht vor dem Hintergrund der Person oder des Lebens(laufs) Käßmanns.
Ihre Alkoholfahrt schmälert also für mich in nichts inhaltliche Äußerungen zu Politik, Gesellschaft oder gar Religion.
Im Allgemeinen - was vielleicht nicht vergessen werden sollte - ist es nicht nur etwas antiliberales und antivernünftiges wegen einer "Verfehlung" eines Menschen die gesamten anderen Grundaussagen infrage zu stellen. Zumal mittlerweile allseits bekannt und für richtig befunden sein sollte, dass man als aufgeklärter, gebildeter und diskursfähig-kritischer Mensch nicht einmal etwas "(er)leben" muss, um sich Bewertungen und Kritik erlauben zu können.
Doch ist das nicht einmal korrekt, schließlich lebt sie ihre sonstigen Einlassungen sogar.
In meinen Augen, das mag zunächst kontrafaktisch und paralogisch anmuten, gewann Käßmann gerade durch die aktuellen Probleme und "Querelen" an Glaubwürdigkeit.

Gerade ich, jemand der mit Kirche und Religion wenig bis nichts anfangen kann und der sie aus spezifischen Gründen auch weder Handlungs- noch als Bewertungsleitend begreift oder begreifen kann, sehe in Käßmanns Alkoholfahrt etwas "menschliches".
Menschen sind dumm, egoistisch, lügen und betrügen.
Sie können es vertuschen, verhehlen oder die Intensitäten steuern, geschehen wird es auf die ein oder andere Weise trotzdem.
Täglich.

Es gibt viele Akteure, die dies nicht anerkennen können oder wollen - beides aus nicht so hehren Gründen als zunächst angenommen.
So bietet sich ein "christliches Menschenbild" und ein "Leben im Zeichen der Bibel und Gottes" als Momentum zum Abheben von anderen an.
Man kann sich als "gut", positiv und daher moralisch und ethisch überlegen gerieren. Die vorgelebte Selbstkasteteiung ermöglicht es, das auch von anderen zu verlangen, mindestens andere aber zu kritisieren.

Käßmann ist nicht die Frau, die dies hervorfief oder -brachte.
Sie gehört auch nicht der deutlich fundamentalistischeren prä-lutherischen religiösen Strömung, der katholischen Kirche, an.
Doch unterwarf sie sich den Regeln und dem "System" Evangelische Kirche.
Das heisst eben nicht, dass sie ihr Leben in den Dienst dieser Strukturen und Regeln stellen muss, allerdings verlangt ihr die Erringung und Aufrechterhaltung der Position ein gewisses "Wohlverhalten" oder "angepasstes Verhalten" ab.
Und dadurch erlangte positionale Nutzen werden der Person zuteil und sie weiß sie für sich und die Sache zu nutzen.
Die Vereinbarung, sich wenigstens nicht in hohem Maße zuwider zu verhalten, gilt unausgesprochen.

Für die kirchliche Position und die Ämter Käßmanns ist genau diese und zwar einzig diese stillschweigende Vereinbarung bedeutsam.
Öffentlich dürfte Käßmann mehrheitlich "Verständnis" und tendenzielles "Wohlmeinen" entgegengeschlagen sein; viele sehen in einer einzigen registrierten Alkoholfahrt ein "dummes Fehlverhalten", was eben doch vielen bis allen geschehen kann.
Kircheninterne Kritiker sehen hierin ein gefundenes Fressen bzw. weitere Kerbe im Ast auf dem Käßmann sitzt.
Und wie es in solchen Organisationen dann funktioniert, werden Ränkespiele, Machtdemonstrationen und Mehrheitsfindungsprozesse hinter den Kulissen betrieben und der Betreffende ggf. for die Wahl gestellt von der Mehrheit "unehrenhaft" abgewählt zu werden oder die Konsequenzen "selbst" zu ziehen und mit großem Popanz zurückzutreten.

Und hier wird die Evangelische Kirche selbst massiv unglaubwürdig und vergiebt eine historische Chance.
Letztere allerdings existiert bei genauerem Hinsehen, wie oben dargetan, überhaupt nicht. Vielmehr hätte ich sie gerne gesehen.


Die Kirchen allgemein postulieren stets überlegene Wahrheit und Weltanschauung, christliches Menschenbild, Nächstenliebe, Vergebung und Verzeihen.
Ob das theoretisch so rechtfertigbar ist, steht dahin.
Als sie allerdings praktisch umsetzen konnten, was theoretisch stets erklärt wird, nämlich menschliche Fehler zwar nicht nachzusehen oder zu relativieren, taten sie genau das andere und verhielten sich erwartungsgemäß wie jede andere Organisation: Sie chassten den Vorsitz oder ließen es zu.

Die vier Tage Abstand zwischen der Trunkenheitsfahrt und dem Rücktritt sprechen für mich eher für internen Druck als autonome Abgangsentscheidung der Ratsvorsitzenden.
Wenn man über sich selbst tatsächlich so erschrocken und betrübt ist, sich nicht mehr im Spiegel ansehen mag und religiöse Anschauungen gar nicht mehr meint glaubwürdig vertreten zu können, so erfolgt er Rücktritt binnen 24 Stunden.
Alles andere mutet eher wie ein hoffnungsloser Abwehrkampf an.
Welche "Wahrheiten" will man in der Zwischenzeit eruieren? Wer soll an der gewesenen Sache und der erfahrenen und kommunizierten Sachlage etwas ändern?
Die öffentliche Meinung, welche sich durchaus nicht zum negativen Wandelte, spielte von Anfang an nicht die in diesem Falle entscheidende Rolle. Diese für sich genommen hätte den Ämterverzicht weder erfordert noch erzwungen.
Das ganze ist nur kirchenintern erklärbar - und genau hier fehlen detaillierte Informationen.

Gerade indem Käßmann also in dieser Analyse mindestens zum Rücktritt genötigt wurde, verliert die evangelische Kirche für mich an Glaubwürdigkeit ihrer Postulate der "Fehlertoleranz" und ihrem Petitum Menschen weitere Chancen zu geben, den Stab nicht über eine einzige Verfehlung zu brechen so "Buße" getan wird.
Und sich öffentlich durch alle Gazetten zerren zu lassen, mehrfach öffentlich zu entschuldigen dürfte mit den weiteren, ohnehin erwartbaren und richtigen straf- und verkehrsrechtlichen Konsequenzen genug davon gewesen sein. Zumindest mir persönlich dürstet es nicht nach mehr.
Kircheninterne Kritiker und klerikale Fundamentalisten vielleicht schon, nur ist auch das dann wiederum ein kircheninternes Problem - mit "Glaubwürdigkeit" als Währung Käßmanns, die ich fast ausnahmslos öffentlich, medial, wirken sehe, hat das nichts zu tun.

Die nun ehemalige Ratsvorsitzende scheiterte im Kern an einem Umstand, an dem die Religion und Kirche als solche scheitern:
Dem Graben zwischen ihrem Selbstverständnis einer auf Bibel und göttlicher Nähe basierenden ethisch-moralischen Überlegenheit und dem Mangel diesem Anspruch in der Realität gerecht werden zu können.
Ein Grund, weshalb sowohl die Kirchen wie auch bspw. Parteien stetig an Mitgliedern einbüßen.
Weshalb sich Käßmann als Ratsvorsitzende, zumal unter Alkoholeinfluss, nicht fahren ließ, wird dabei zur nebensächlichen Petitesse.
Eine "Chance", menschliche Fehler als Zeichen einer Kultur der Vergebung in einer Gesellschaft zu sehen, die stark von Markt und wettbewerblichen Kategorien durchdrungen ist, welche eben keine Fehler zulassen, wurde dabei nicht einmal ansatzweise angedacht.
Wie auch, wenn letztlich Amt und "Würde" über alles gehen und Inhalt dahinter zurücktritt.

Meine "Hoffnung" auf "normale", rechtsstaatliche Aburteilung Käßmanns ohne Amtsverlust oder -verzicht war ein Kinderglaube.
Einen anderen, Religion oder Kirche als solche könnten andere Wahrheiten, gar "überlegene" solche aufzeigen, beerdigte ich glücklicherweise schon früher.