Dienstag, 23. Februar 2010

#Mediokratie: #Helmut #Schmit und #Vorbilder abseits praktischer #Politik

Gerade sehe ich wieder einmal Helmut Schmidt im Fernsehen, genauer in einer Wiederholung von "Beckmann", dem Talk in der ARD auf Phoenix.

Ich halte seine Person ja insgesamt für überschätzt, wiewohl auch ich weiß, dass Parteien und (ideologische) Bewegungen wie bspw. die deutsche Sozialdemokratie, Figuren, Personen und Ikonen benötigt, zu denen sie aufsehen und mit Hilfe derer sie Konflikte aktualisieren können die außerhalb des "Tagesgeschäfts" liegen.
Viele Sozialdemokraten werden mir sofort "unsolidarisches Verhalten" oder "Pinkeln ans eigene Bein" vorwerfen, wenn ich diese Meinung blogge.

Doch sehe ich nicht, weshalb ich die SPD oder einzelne Personen schonen sollte, wenn ich das bei anderen nicht tue und mir dies ebensowenig zu teil wird.

Ich machte die Erstkritik am Beispiel Schmidts Befürwortung von größeren Einheiten im Banken- und Finanzsystem deutlich, welche er auf einer ZEIT-Konferenz äußerte.
Doch ist es gerade "Größe" im Sinne der Bilanzsumme, welche ein Institut im erpresserischen Sinne "systemisch" werden lässt.
Größere Einheiten und Fusionen erhöhen also das Druckpotenzial und bringen bis auf Marktaufteilungs- und Monopolgewinne der Unternehmen für die breite Masse wenig. Ob bspw. mglw. geringere Kosten durch Infrastrukturzusammenlegungen der Institute bei gleichzeitigen Entlassungen der Arbeitnehmer, welche vom Steuerzahler aufzufangen sind, diese Effekte kompensieren, ist mir zumindest bislang unklar.
Ein solches Erpressungspotenzial allerdings sollte in keinem Falle existieren - genannte Forderungen und Befürwortungen tragen nur dazu bei.
Aufgrund mangelnder Datenbankconnectivität kann ich momentan nicht auf meinen ursprünglichen Artikel verweisen.

Nun hörte und sah ich eine junge Frau in einem Beckmann'schen Einspieler, welche Schmidt als ihr "politisches Vorbild" bezeichnete.
Abgesehen davon, dass die Desillusionierung bei mir Raum griff und ich ohnehin aufgrund meiner Kenntnisse niemals davon ausging, dass Kategorien wie "Heilsbringer" a la Barack Obama, Präsident der USA, oder "Idole" oder "Vorbilder" wie Schmidt und andere, gerechtfertigt seien, erscheint mir gerade das Alter der genannten Person fragwürdig.
Kann sie doch die Schmidt'sche (Kanzler-)Politik nur aus Lehr- oder Geschichtsbüchern adaptiert haben, da sie zur Zeit der sozialliberalen Koalition offensichtlich nicht geboren bzw. verständlich sozialisiert gewesen ist.

Das heisst, dass sie die Auffassungen mindestens aus guter Zweiter Hand zieht.
Hierfür kommen genannte Lehr- und Geschichtsbücher oder mediale Vermittlungen in Betracht.
Vermittlungen wie etwa Beckmann.

"Politische Vorbilder" zu prägen oder zu popularisieren ist Ausgang eines systemischen Unverständnisses. Dem Unverständnis des politischen Systems, der Unwissenheit wie politische Prozesse funktionieren und Entscheidungen zustande kommen.

Dabei bleibt für wirklich KEINE Person Raum zum "Vorbild" oder "Idol" zu werden; gerade wenn die genannte junge Frau Schmidt als von allen anderen (aktuellen) Politikern abgehoben versteht, da er "tut, was er sagt" und auch "Dinge anspricht".

Dies allerdings kann selbst in einem demokratischen politischen System nur jemand fern dessen so umfänglich tun, als dass er dem Bild eines "Vorbildes" entfernt nahe käme.
Damit führt sich die Person und folgend ihre Ansicht selbst ad absurdum.
Wenn demokratische Aushandlungsprozesse Stillschweigen erzwingen, da man im Vermittlungsausschuss bspw. zwingend nicht-öffentlich verhandelt und gesetzlich vorgegeben verhandeln muss, wird man Stillschweigen führender Politiker erwarten können und müssen.
Ähnlich verhält es sich mit einem Kanzler, der seine und ggf. eine an der Koalition beteiligte Fraktion "auf Linie" bringen muss um im Parlament zu gemeinsamen Abstimmungen und mehrheitsfähigen Entscheidungen kommen zu können.
Hierbei spielt auch der Wunsch nach dem Verbleib im Amt eine Rolle, der jedem Kanzler immanent innewohnen muss; anderes führte nicht nur zur Instabilität des politischen Systems.
Und genau dann greifen die Muster, welche von vielen so beredt kritisiert werden.
Gerade von denen, die Politiker wie Helmut Schmidt so über den Klee loben.

Ich kann die "Sinnsuche", die Suche nach etwas "andersartigem", auch im politischen System, nachvollziehen.
Doch macht es das ganze nicht besser.

Helmut Schmidt profitiert von der einen oder anderen positiven Entscheidung seiner politischen Karriere, einem gutem Leumund von (Partei-)Freunden oder, meine Hautposition, darauf aufbauend medialer Zeit.
Seine Anziehungskraft nutzen die Medien, die Leute sehen und kaufen es durch Quote.
Er - wie andere übrigens auch - kann sich nun quasi "diktatorisch" gerieren.
Achtung: Dies dient nur der Verdeutlichung meines Arguments.

Damit jemand einen Ruf erwerben kann wie Schmidt, muss er häufige, aber nicht penetrante Mediensichtbarkeit aufweisen.
Er muss kurze, klare Gedanken formulieren, die mit Tagespolitik, vorallem mit dem politischen System selbst wenig bis nichts zu tun haben.
Denn auch er weiß genau, wie das System läuft und wie sich handelnde Personen einweben. Er war ja selbst prominent tätig.
Heute nutzt er sein Wissen und den Umstand, dass ihn und andere kaum jemand scharf kritisiert um genau diese Zusammenhänge ignorierend thematische Einlassungen zu tätigen.

Gerade in genannter Beckmann-Sendung ist überdeutlich, wie viele "Fragen" Schmidt gestellt bekommt und wie wenig kritisch der Moderator nachfragt.
Wer sich schon einmal kursorisch mit Interviews bpsw. von Politikern der LINKEn, namentlich Lafontaine, befasste, dem wird diese Ambivalenz auffallen.
Hier liegt ein Medienversagen vor, kann man Schmidt selbst nur bedingt dafür verantwortlich machen - die Zuschauer und Menschen könnten es ja besser wissen.

Ich möchte Helmut Schmidt nicht diskretitieren - könnte ich auch nicht.
Ich plädiere für einen offeneren, rationaleren Umgang mit seiner Person, gegen Idealisierungen.
Gerade an Barack Obama kann man sehen, wie schädlich solches sein kann - und Obama trug zu dieser Schaumschlägerei noch selbst zu.
Hier ist Schmidt klüger, er betreibt "nur" Understatement, weist nicht so offen auf systemische Bedingtheiten und Diskrepanzen hin. Hier sollten Medienvertreter kompensierend wirken. Dies unterlassen sie regelhaft.

Zustande kommt dann soetwas, wie bei genannter junger Frau.
Die einen altge- und -verdienten Politiker wie Schmidt aufs idealistische Schild hebt, mit der praktischen Umsetzung unseres politischen Systems aber offensichtlich wenig bis nichts anfangen kann.
Sich hinter jemanden zu stellen, der angeblich die "richtige Auffassung" vertritt ist immer einfach, man läuft oder fährt im "Windschatten" mit und muss nicht alles einstecken, was diesem entgegenschleudert.
Nur schleudert Schmidt nicht einmal etwas entgegen.
Das ist meiner Ansicht nach eine problematische Entwicklung, die von den Medien maßgeblich befördert wird.
Ein weiteres Beispiel wäre der "grandiose Krisenmanager" Peer Steinbrück (SPD), ehemaliger Finanzminister der Großen Koalition. Er habe die "Finanzmarktkrise" eindrucksvoll überwunden und Deutschland damit vor "schlimmerem" bewahrt.
Die Diskussion über Druckpotenziale, systemische Bedingungen, Bilanzsummen, Anteile der verschiedenen Regierungen die zu dieser Situation beitrugen oder gar "Krisenbewältigungsalternativen" kommen darin kaum noch vor.