Sonntag, 29. November 2009

StudiVZ-Serie - Betrachtungen (1)

Ich betätige mich schon seit geraumer Zeit als Kritiker des StudiVZ.
Dabei bemängle ich hauptsächlich die absichtliche Namens- und Zielverwirrung der Community, ist sie doch mittlerweile zu einer fast ausschließlichen Kontaktbörse degeneriert, die mit studentischen Belangen neben der Hochschule als Anreiz- und Distinktionskriterium auch nicht mehr den Hauch gemein hat.

Zu bezweifeln ist ferner, ob es gar einst eine andere Intension gegeben haben mag.
Output oder "Sinn" des Ganzen ist bestenfalls eine Vernetzung von Menschen; überdies kann man nicht davon ausgehen, dass "Studierende" korrekt ist, wird doch keine Echtheitsprüfung eines Profil/einer Registrierung durchgeführt.
Somit darf davon ausgegangen werden, dass sich hinter vielen sogenannten "Studierendenprofile" nichts anderes als "Fakes" im strengen Sinne befinden.
Weil dies so ist, ist es radikal betrachtet kein "Sinn" oder "Ziel", Studierende zu vernetzen.
Es existieren keinerlei Optionen zur Zusammenarbeit zwischen Studierenden, wie es eine Community für Studierende eigentlich erwarten ließe. So könnte man einen ortsüberschreitenden Paper- und Arbeitsmaterialientausch oder Gruppenarbeit ermöglichen.
Letzteres wird quasi als Beiwerk mittels in StudiVZ üblicher und integrierter "Gruppen" erreicht.

Weiteren Anlass zur Kritik geben intendierte und tendenzöse Bezeichnungen und Titulate wie "Freunde", "Freundeskreis" und "Freundesliste(n)".

Hierbei ist weniger der Fakt der Verwendung als solcher von Bedeutung, sondern dass er absichtlich gewählt wird, von den Betreibern mit einer gewissen Intension. Um eine Bindungs- und Nähefiktion zu erreichen und daher einen gewissen "Status" bei den Nutzern zu erreichen, der eine Löschung oder einen Verzicht mit hohen Hürden versieht.
Rein programmiertheoretisch wäre es ein leichtes, die Worte "Freund" oder "Freundschaft" durch "Kontakt" zu ersetzen; je nach Art der Programmierung müsste man dazu in eine Datenbank, dynamisch generierte Templates oder ebensolche Webfiles eingreifen. Durch die jeweils stattfindende gecachte Reproduktion ein geringer Aufwand.
Die Tatsache des Bestehens, legt den Schluss gewollter Wortverwendung doch sehr nahe.

Hierüber beschwert sich kaum jemand öffentlichkeitswirksam, zumindest nicht in den Communities selbst.
Bspw. existiert die Gruppe "Gegen die inflationäre Verwendung des Wortes 'Freundschaft'", deren Mitgliederzahl aber hinter solchen wie "Wenn Männer so weiter machen heirate ich meine beste Freundin" oder "Bereue nichts wenn Du glücklich warst" doch deutlich zurüchstehen.
Das dadurch kommunizierte Anliegen scheint den Nutzern der Community also nicht interessant, bedeutend oder "wertvoll" genug zu sein, um ihre diesbezüglich möglicherweise vorhandene Ansicht "öffentlich", also zumindest Community-öffentlich, kund zu tun.
Oder, was bedeutend "schlimmer" wäre: Sie teilen die Auffassung schlicht nicht und sehen keine inhaltliche Divergenz zwischen "Freunden" des StudiVZ - also rein datenbankbasierter, computergenerierter Verlinkungen zweier dynamisch generierter Inhalte - und ihrer "normalen", weltlichen offline "Freundschaften".
Sollte es diese damit behauptete Kongruenz geben, müsste man noch einmal neu darüber nachsinnen.

Die Betreiber verwenden diese Worte allerdings mit der Absicht möglichst allgemein zu bleiben - verwendet das Berufskontakte-Netzwerk Xing doch bspw. das Wort "Kontakt" - und im Weiteren die Bindung der Nutzer untereinander sowie zur Platform, Community, selbst zu intensivieren.
Das Wort "Freunde" mag womöglich beim Eingehen eines Kontakts und einer virtuellen "Freundschaft", also der Verlinkung, un- oder geringbedeutend sein.
Bei einer Profiltrennung aber könnte das "Beenden der Freundschaft" doch eine gewisse Hemmschwelle darstellen.
Und da die Communities - und damit deren Betreiber - von solchen Verlinkungen der Profile untereinander Leben darf man ihnen ein solches Interesse zumindest unterstellen.


Hinzu kommen Probleme in der Verarbeitung der Plattform sowie deren damit verbundene Datenintegrität.

So können von einem Profil ignorierte Profile, also Nutzer, trotzdem Daten des Profils einsehen - eigentlich ein Unding, bedenkt man den radikalen Nutzen und die Funktion einer "ignorieren"-Funktion.
So sind in der Standard-Profil- und Privatspähreneinstellung selbst dann noch Einträge der "Ist gerade..."-Funktion ersichtlich. (Worüber ich bloggte)
Dies ist ein logischer Fehler, der der "Ist gerade..."-Funktion mehr Anzeigeberechtigung einräumt als der "Ignore"-Funktion Wirkmacht. Vermutlich wurde hier entweder von einem zu offenen und optimistischen Ansatz ausgegangen oder im Nachhinein weniger Wert auf korrekten Ausschluss gelegt.
Nicht zu vergessen, dass ein ignorierter Nutzer auch die Hochschule und den Namen finden kann.

Nicht zu vergessen die schueler-VZ-Bots, denen es laut FAZ in kurzer Zeit möglich gewesen ist, das gesamte Verzeichnis, also jegliche Datenbankinhalte auszulesen.
Dies ist aber schlimmstenfalls ein Programmierfehler oder ein Effekt, mit dem ein solches System immer zu rechnen haben wird.


Für mich ist der Fakt der vollkommenen Unbrauchbarkeit für studentische Zwecke mit Nennung des Systems als "StudiVZ" sowie der offensichtlichen Hintergründe von tendenziösen Benamungen wie "Freunde", was normalerweise und eigentlich bestenfalls loseste "Kontakt" sind, sowie logischer Fehler wie der "Ist gerade..."-Funktion bei ignorierten Nutzern Anlass über eine komplette Löschung meines Profils nachzudenken.
Allerdings verweigern die Plattformadministratoren eine Exportfunktion für Nachrichten des "Nachrichtendienstes", also schlicht einen sql-Dump einer Datenbanktabelle, einen Datenexport.
Möchte man mglw. wertvolle Nachrichten nicht verlieren, müsste man selbst handanlegen - ein schier zeitloses Unterfangen.

Durch das Vorenthalten dieser und anderer (wichtiger) Funktionen werden also Migrationen oder gar Löschungen verhindert, zumindest aber erschwert.
Gerade durch die Ansammlung von Daten, also etwaiger "Ressourcen" und "Content" möchte der User diese nicht verlieren und macht sich angreif- und erpressbar. Zu erwarten ist eher ein Verbleib in der Community als die Löschung des Profils, wenn dem Daten unterlegt sind, die der User für wichtig genug erachtet.


Das StudiVZ ermöglicht nun mittels interativer Feedback-Funktion über diese und andere "Misstände" Kritik zu führen.

Mein erster Gedanke: Sie sind keineswegs dumm, verstehen sie es doch sogar die eigentlich extern motivierte Kritik an ihrem Produkt nicht nur zu internalisieren, nein sogar teilweise zu monopolisieren.
Schließlich gilt auch hier das In- und Exklusionsthema: Wer sich nicht communityintern für eine Änderung stark gemacht habe, solle doch auch extern nicht klagen und Änderungen bewirke man doch ohnehin im "direkten" Kontakt mit den "Herstellern" und "Administratoren" - unbenommen der Intensität dieses "direkten" Kontakts.

Erste Vorschläge gehen ersichtlich in eine von mir goutierte Richtung, andere neigen eher zur weiteren Öffnung der Community und Hinzufügung weiterer eher unwichtiger Features.
Die Fiktion einer Mitbestimmung der Nutzer ist gewollt und ermöglicht den Transport eines "Transparenten, User-orientierten", möglicherweise sogar "demokratisch"-anmutenden Prozesses.
Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass die Betreiber schlussendlich selbst entscheiden, nicht nur mittels Bereitstellung des Kapitals, Bezahlung und Anstellung der Programmierer, welche sich sofort auf deren Qualität und Arbeitsoutput auswirkt.

Trotzdem keine ganz schlechte Entwicklung und zunächst beobachte ich erwartend ob ich hernach doch noch löschend tätig werden muss, oder nicht.
Stand heute wird mein Profil nicht mehr lange exisiteren, allein aus oben genannten Sicherheitsmängeln.