Freitag, 1. Mai 2009

Was wir wieder (oder erstmals) lernen müssen

Weiland höre ich im Radio, bspw. Deutschlandradio am 01.05.09 mittags, die "Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise" habe die Menschen "überrascht" und man sei über das Ausmaß der Probleme im Finanzsystem "schockiert".

Ich gebe zu, nicht so eindringlich - weder schulisch noch anderweitig - sozialisiert worden zu sein, dass ich mir die Komplettverstaatlichung von Banken oder anderer Unternehmen forstellen bzw. ausmalen konnte.

Nach meiner Auffassung verdanken wir das Ausmaß und vorallem den teilweise vernehmbar großen Pessimismus eines ebensolchen "socialising gaps".

Im Jahr 2001, als die technology bubble zu platzen begann, war ich gezählte 16 Jahre alt und mein Wissen und Interesse für Finanz- und Kapitalmärkte mithin sehr gering ausgeprägt. Zunächst begann sehr langsam meine politische Sozialisation breite und Konsistenz zu gewinnen.
Dann kam die Zeit des - kampfbegrifflich - "marktbreiten Neoliberalismus" und der Betonung der angebotspolitischen ökonomischen Schule Friedmans und anderer.
Bis zur verhökerten US-Investmentbank Bear Stearns mutßmaßte ich zwar anhand mir bis dato zur Kenntnis gekommener Zahlen von Billionenbeiträgen an Kreditverbriefungenen und darauf in Rede stehenden Versicherungen über eine pleite zumindest des nordamerikanischen Bankensystems, doch schien mir dies eine eher unrealistische Annahme.

Eine meiner bis dato für richtig gehaltenen Aussagen war, dass wir eher ein Ende der kapitalistischen Wirtschaftsordnung als eines der aus heutiger Sicht ehemals bilanzgrößten Bank der Erde, Citigroup, sehen werden.
Aus heutiger Sicht sind die meisten großen US-Banken de facto pleite.

Dieses Bild begann dann schnell zu wackeln, als ich sah und mich quasi täglich "belustigen" konnte, was man bei Verfolgung vieler Nachrichten so erleben kann.
Da ging ein "Übernahmeangebot" für Bear Stearns für 1USD pro Aktie von JP Morgan mit Vermittlung der FED ein, was die Aktie auf 2-3USD sinken ließ. Zwei bis drei Tage wurde gemunkelt, dass gewichtige institutionelle Investoren mindestens 10USD pro Anteilsschein sehen wollten. Somit legte die Aktie bis auf etwa dieses Niveau zu.

Das ganze ging damals schnell und war nur der Auftakt für das was aus heutiger Sicht noch kommen sollte.
Aber es genügte bereits um zu erkennen, dass große Räder gedreht wurden. Da konnten einige ihr Kapital in nicht einmal einem Monat verdreifachen. Und nicht nur "einige" - theoretisch jeder, dem das 10USD-Gerücht zu Ohren kam und der es für "glaubwürdig" erachtete.

Das ist mittlerweile nur noch eine Notiz der Geschichte, mittlerweile schrumpften die USD ihre großen Investmenthäuser von 5 auf drei zusammen und selbst diese sind von reinen Investmentbanken zu Einlagenbanken geworden, um "stabilere" Kundeneinlagen generieren zu können und sich der strengeren Aufsicht zu unterwerfen.
Der US-Amerikanische Staat hält mittlerweile knapp 40% an einer Citigroup, die gesamten Anteilsscheine von Finanztiteln haben Kursstürze von teilweise 90% und mehr hinter sich um in den letzten Wochen und Monaten teilweise wieder 200% vom erniedrigten Niveau zuzulegen.
Auch hier wird deutlich, dass große, ja größte Räder gedreht werden.
Die meisten Notenbanken der Erde schleusten ihre Nominalzinsen auf historisch niedrige Niveaus hinunter, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England (BoE).
Die amerikanische Notenbank (FED) kauft mittlerweile direkt amerikanische Staatsanleihen am Markt auf.


In Deutschland erhielt die Commerzbank 18Mrd. EUR an Kapital, es ist ein offenes Geheimnis, dass dies wohl nicht genügen wird. Einige spekulieren gar über die komplette Übernahme durch den Staat.
Die HypoRealEstate ist zwar de facto, aber nicht expressis verbis, pleite. Sie wird entweder durch den Soffin per Kapitalerhöhung und Aktionärsübertrag übernommen oder verstaatlicht.
Die meisten Landesbanken wären ohne Staatshilfen ebenso bankrott.

Da wurde vor nicht allzulanger Zeit geprägt, dass Markt vor Staat ginge, und letzterer ohnehin wenig in der Wirtschaft zu suchen habe.
Ich muss ehrlich zugeben: Ich habe es aus fundamental-ideologischer Position nicht "geblaubt" oder "mitgewusst", allerdings sind die jetztigen Ereignisse auch eine "neue Qualität" für mich persönlich.

Hier wird vermutlich die Richtigkeit einer weitläufigeren These deutlich: Wer noch keinen Krieg erlebte, weiß eben nicht, wie es darin "ist".

In atemberaubender Geschwindigkeit wurden "alte Dogmen" oder zumindest frühere Antworten aufgegeben und gestrichen.
Wir sehen so fundamentale Umwürfe und Änderungen im Bestehenden, dass ein ganzes Leben vermutlich nicht ausreicht um sie ausreichend zu betrachten.

Da kommt das Wort "Systemrelevanz" oder "systemrelevant" auf.
Ich verstand Marktwirtschft, auch die "soziale", bislang so, dass jeder Marktteilnehmer, der sich nicht an die Spielregeln und Mindesterfordernisse des Marktes hält, von ebendiesem "verschwinden" - also konkurs - gehen müsse.

Das heisst, dass aus dieser Perspektive bereits die schiere Existenz eines oder mehrerer "systemrelevanter" Unternehmen nicht nur eine Aufgabe der Marktwirtschaft und des Gedankens selbst, sondern auch eine Selbstaufgabe der Befürworter und Kleinredner darstellt.
Aber dem ist nicht so.
Ganz im Gegenteil, werden Einstiege, Staatskapital und befürwortete "Fusionen" heute als standortpolitisch "sinnvoll" deklariert.

Das Problem ist nur: Es KANN nicht beides geben, wenn man es konsequent zuende denkt.

Natürlich kann man sagen, es sei ein "Unfall", das Finanzsystem müsse nun eben staatlich gesichert und dann reprivatisiert werden. Ob man dem folgt oder nicht, ist dann trotzdem noch nichts über die fundamentale Problematik des Ganzen geurteilt.

Hätte ich die Weltkriege miterlebt, oder die Asien- bzw. Ölkrisen bewusst wahrgenommen, hätte ich es womöglich von vorne herein in meine Überlegungen einkalkulieren können, dass Finanz- und Bankenkrisen nuneinmal zu diesem Kapitalismus gehören. Das ist ja nun auch unstrittig.
Die "Rettung" und Refinanzierung allerdings weiter Teile des Systems, die oben nur zart angedeuteten Zwischenprofite einiger Marktteilnehmer die ein großes Rad drehen (können), hatte ich so nicht kommen sehen.


Vermutlich ist dies das "socialisation ~" bzw. "generation gap" und jede Generation oder Generationen machen diesbezüglich neue Erfahrungen und lernen eigentlich von früher fundamental bekanntes immer wieder neu und sind analog immer wieder neu "schockiert".

Die Schul- und Erwachsenenbildung hat auf solche, sicher nur sehr gering-zahlig vorkommende Phänomene, keinerlei Antwort.

Apropos: Die sogenannte "Schweinegrippe", "Mexiko-Grippe", "Amerikanische Grippe", "swine flu", oder welchen Namen man nebst des gehaltlosen EU-Vorschlages "Neue Grippe" man denn nutzen möchte, kann ebenso zur Illustration des Gedankens beitragen.

Da höre ich ein Interview mit Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) im Deutschlandradio und für mich als Hörer ergab sich nach der Frage, ob es evtl. Reisesperrungen von und nach Deutschland bzw. die Infektionsgebiete geben kann und wird, das Bild einer bemüht-verneinenden Ministerin.
Dies könne ein Staat nicht oder nur sehr schwer tun und die Zeit sei auch noch nicht reif, so sinngemäß.

Nun erinnert mich das "das kann ein Staat nicht tun" fast "fatal" an die "Finanzmarktkrise" und die darauf folgenden massiven Konjunkturprogrammen, Staatsausgaben und Bankenverstaatlichungen.
Ich beschrieb das in einem meiner Beiträge einmal mit der Formel, der "Marktradikalismus" würde vom "Staatsradikalismus" abgelöst.
Ich möchte das keineswegs verfassungs- oder per se intendiert freiheitsfeindlich bewertet wissen.
Mir geht es einzig darum, zu erkennen, dass gestern geäußerte "Grenze" bereits morgen wie etwas disponibles verschoben wird.

Um es ganz klar zu sagen: Um eine Pandemie - was es nach Äußerungen der WHO noch nicht gibt - wirksam "einzudämmen" dürften Maßnahmen des Protektionismus nicht nur unumgänglich, sondern auch sinnvoll sein.
Zeitlich beschränkte Anflugverbote von Hochrisikogebieten und strenger Kontrolle von rückkehrenden Passagieren kann die Enschleppung und Übertragung zumindest zeitlich hinausschieben.
Solche Maßnahmen sind auch durchaus vorstellbar.
Vielleicht nicht bei der aktuellen "Influenza A/H1N1". Womöglich ebbt diese Hysterie ebenso schnell ab wie BSE, SARS oder die Vogelgrippe.
Wissenschaftler sind sich allerdings nahezu "einig", dass es irgendwann ein größeres, pandemisch hochtoxisches Virus geben wird. Wann und welches das sein wird ist unklar, aber für den Gedankengang auch unwichtig.

Sollte es aber dazu kommen, dann wird nicht mehr die Frage sein, ob man oben genanntes tut. Sondern nur, wie intensiv. Der genannte Staatsradikalismus kennt nur die wichtigsten und in höchstem Gesetzesrang kodifizierten Rechte wie StGB oder das Grundgesetz. Alles andere lässt sich sinnvollerweise durch Mehrheitsentscheidungen schnell ändern.
Und wir machen und machten uns bis dato keine Vorstellungen, was wann wie schnell geändert werden kann und werden wird, so es für notwendig erachtet würde.

In diesem Sinne und vor dem Hintergrund der sog. "Finanzmarktkrise" betrachte ich Äußerungen wie die Ulla Schmidts mittlerweile mit einem "Lächeln".