Montag, 25. Mai 2009

Anspruch und Bundesligafussball

"Anspruch" ist ein weiterer Feind der Leistung".

Klingt zunächst Paradox, da Anspruch - so er auf rationaler Abwägung und somit wiederum auf vergangener Leistung beruht - eine Triebfeder für weitere, zukünftige oder spätere Leistung sein sollte/könnte.
Allerdings resultiert ein "Anspruch" wie er hier gemeint sein soll, meist auf Erreichtem, also einer wie auch immer gearteten "Leistung" individueller oder kollektiver Art.

Dies ist eine Vergangenheitsbetrachtung, deren Erfahrungen in die Gegenwart und Zukunft projiziert werden.

Daraus entstehen Erwartungen, bzw. sind diese sofort mit einem Anspruch verknüpft. Diese Erwartungen wiederum basieren auf vergangenem, erlerntem und Musterprägungen. Wiederum eine Vergangenheitskomponente die in die Gegenwart und Zukunft projiziert wird.

Hier wird es schon diffiziler: Ein Anspruch kann überzogen sein und auf falschen oder mangelhaft gelernten Vergangenheitsereignissen basieren.
Dies gilt für positive oder negative Ereignisse, obleich positive wohl eher anspruchhebend wirken dürften.

"Erwartungen" allerdings werden "gemessen", bzw. dienen sie als "Vereinbarungen" teilweise sogar in Verträgen als Hilfsmittel zur Bewertung einer Ziel-Mittel-Rationalität und Bewertung einer Leistung.

Die Bewertung einer zukünftigen Leistung hängt also von der Bewertung früherer Erfahrungen oder Ereignisse ab.

Wenn "die Ansprüche" zu hoch werden oder zumindest darauf zielen, bisherige Leistungen und Ereignisse zu verstetigen, lassen sie die "Zeitkontingenz" sowie viele andere Begleitumstände, die möglicherweise damals zu der erzielten Leistung beitrugen, außer Acht.
Um diese Erhaltung oder LEistungsverbesserung zu erreichen, wären womöglich aus späterer Betrachtung Umbrüche, "Krisen" als Chance zur Änderung oder Investitionen notwendig.
Diese bleiben aufgrund einer Vergangenheitsbewertung und der Tendenz von Menschen auf kurzfristige "Rendite" zu achten, aber tendenziell aus.

Damit wird eine gewollte Leistungserzielung unwahrscheinlicher.


Mein akutes Rekurrat diesbezüglich bezieht sich auf den für einige anscheinend unverständlichen Wechsel Felix Maggath's von einem frisch-gebackenen Meister der deutschen Fussball-Bundesliga und Teilnehmer der Championsleague mit weitgehenden Kompetenzen als Trainer und Manager zu einer Mannschaft die deutlich hinter dem aktuellen Platz steht und nicht an der Championsleague teilnehmen wird.

Stellt sich die Frage, weshalb er das tut.

Finanziell dürfte er in Gelsenkirchen, bei seinem zukünftigen Verein Schalke04, mehr verdienen können als beim VFL Wolfsburg. Ob ich dies als Hauptgrund sehen soll, erschließt sich mir nicht. Ich bin zumindest skeptisch, da ich die Vertragseinzelheiten nicht kenne.

Mein bester Ansatz ist derzeit oben beschriebenes Anspruchsdenken.

Den VFL Wolfsburg hatte zumindest ich vor der Saison nicht als Meisterschaftskandidat auf der Rechnung, obgleich das Team durchaus für einen oberen Mittelplatz gut sein musste.
Nun wurde das Team Meister und wird in der Championsleague antreten.

Davon ausgehend sollte sich der Anspruch an die Mannschaft, die Umgebung und nicht zuletzt den Trainer und Manager erhöhen.
Sei es nicht zuletzt der Anspruch, diese Erfolge zu verstetigen und gar zu wiederholen.
Allerdings ist fraglich ob die Mannschaft diesen Erfolg in der kommenden Saison wiederholen kann und wird.
Im Allgemeinen scheint es besser zu sein, als angesehener Trainer/Manager zu einem weniger angesehenen Team zu wechseln und dort die eigenen Vorstellungen anzubringen, schließlich kann man dem Personal/Verein quasi "diktieren" was notwendig wäre/wird um den selben Erfolg bei dem neuen Arbeitgeber zu erzielen.
Der neue Verein dürfte Interesse an einem solchen "Erfolgstrainer" haben, ist Maggath durch Meistertitel beim FC Bayern München u.a. kein unbeschriebenes Blatt.
Da der Verein nachdemselben Erfolg strebt und streben muss, da auch ihm Geldgeber und Finanziers zur Refinanzierung im Nacken sitzen, dürfte die Neigung relativ zum Status Quo bei Wolfsburg relativ groß sein, einen "Schnitt" zu machen, die Mannschaft auf die "Wünsche" des Trainers auszurichten, ebenso das Management und Geld für neue oder "gewünscht-notwendige" Spieler aufzubringen.
Bei Wolfsburg könnte die Argumentation vorherrschen, Maggath möge doch mit demselben Personal, dass jetzt so gut funktionierte und erfolgreich war, auch zumindest dieses Niveau halten.
Im Allgemeinen scheinen unpopuläre Maßnahmen in Krisenzeiten leichter durchsetzbar; und davon kann man derzeit wohl eher bei Schalke04 als beim VFL Wolfsburg sprechen.

Vielleicht ist Maggath auch ein Mann, der Interesse daran hat, Mannschaften aufzubauen, statt den Status Quo zu verwalten, dies allerdings ist eine subjektive Erwägung, die er bestenfalls selbst bestätigen könnte.

Wie auch immer, bei diesem Transfer gilt ähnliches wie beim Klinsmann-Wechsel zum FC Bayern München: Entweder es läuft erste Sahne und Maggath bleibt der gemachte Mann oder kann gar noch an Anerkennung zulegen, gelänge ihm ähnliches mit dem neuen Verein.
Oder die Erfolge bleiben aus und es erfolgt eine Trennung. Bei Klinsmann konnte man schön sehen, wie schnell ein ehemaliger "Messias" in Ungnade fallen kann und dann auch noch die letzten Kritiker, die einstmals teilweise auch laute Befürworter waren, aus den Löchern krochen und es schon immer gewusst haben wollen.

Es hängt auch vieles davon ab, ob die Vereins- und Einflussstrukturen der beiden Vereine wenigstens ausreichend ähnliches zueinander sind.
Beim VFL Wolfsburg scheint Maggath ja ein anfangs eher ruhiges und ihn stützendes Umfeld gehabt zu haben; seine Kompetenz- und Machtfülle erleichterte ihm das Arbeiten.
Bei Schalke04 habe ich seit geraumer Zeit eine gegenteilige Auffassung: Da sind nach meiner Beobachtung Leute im öffentlichkeitswirksamen Bereich tätig, die dort gar nichts zu suchen haben sollten, weil es entweder nicht ihre Aufgabe ist oder sie schlicht inkompentent sind.
Zuletzt fiel mir das auf, als ich einen Artikel in der Financial Times Deutschland über ein Interview eines höhererrangigen Vereinsmitgliedes, mit nicht wenig Einfluss, las und auch für den unbedarften und entfernten Leser deutlich werden konnte, dass der Trainer quasi zur Disposition gestellt wurde.

Man wird jedenfalls gespannt sein dürfen.

Und noch eines, auch wenn das nicht zum Thema passt und dazu noch ein anderer Eintrag folgen wird: Ich erwarte von Borussia Dortmund in den kommenden Jahren einiges, halte sie für einen realistischen Titelanwärter der sich schon seit ein paar Jahren konsolidiert.