Mittwoch, 6. Mai 2009

Nun blogge ich endlich u.a. über das Interview mit Andrew Keen auf SPIEGELOnline, der meine Auffasung und Gedankenspiele zum Thema durchaus prägnant zusammenfasst.

Vor nicht allzulanger Zeit hielt ich "Web 2.0" für dramatisch überzeichnet, overhyped und überschätzt.
Dem ist immernoch so.

Allerdings ergeben sich auch Möglichkeiten der schnellen, direkten Kommunikation die ich so nicht sah. Bestes Beispiel ist für mich Twitter.
Zwar twittere ich eher selten und die Sinnhaftigkeit der Nachrichten, "tweets" genaannt lässt sich vortrefflich diskutieren. Aber kein anderes Medium ermöglicht eine so schnelle Reaktion auf eine Nachricht mit wenig Aufwand; selbst SMS hat Probleme mitzuhalten, denn "twittern" lässt sich auch per Mobiltelefon. Der Durchbruch für mich waren und sind die offenen APIs, die vielen Programmierern/Codern Anwendungsfusion oder schnelle Kompatibilität ermöglichen. So nutze ich fast ausschließlich TwitterFox, ein AddOn für den Firefox-Browser.

Weshalb hielt ich "Web 2.0" für überschätzt?
Ich bezweifle die Reichweite dieser Anwendungen, im politischen und gesellschaftlich-kulturellen Diskurs.

Ein weiteres "Merkmal" des Ganzen ist an sich banal, aber nicht weniger besorgniserrgend: Man ist quasi "gezwungen" mitzumachen. Natürlich ist man es weder theoretisch noch praktisch durch Herrschaftsstrukturen die dies erzwingen könnten. Trotzdem bekommt man einen Teil der "Außenwelt" nicht mit, ist man nicht in "einschlägigen Communities" wenigstens mit passiven Accounts vertreten. Twittert man nicht, entgehen fulminante 140-Zeichen-Dispute und Links die sich beim Betrachten als wahre "Schätzchen" herausstellen.
Ein solches banales Beispiel liefere ich aus meiner aktuellen Praxis auch noch mit, bevor ich auf Keens Argumente verweise: Der FAZ.NET-Blogger HolgerSchmidt ist seit geraumer Zeit auf meiner "Following"-Liste. Durch einen seiner Tweets erhielt ich einen interessanten Link zu vielfachen Twitter-Nutzerstatistiken. Wobei ich natürlich eine Weile hängen blieb, da es durchaus ergiebige Auflistungen, auch nach Städten sortiert, zu finden gab.
Ob ich ohne den Tweet überhaupt danach gesucht hätte? Womöglich nicht, oder nicht so schnell.


Keen bringt oben geschriebenes nun wie folgt auf den Punkt

Viele Leute wollen nicht bei Web 2.0 mitmachen, weil es sie nervt. Aber sie haben keine andere Wahl. Idealismus wird durch Selbstmarketing ersetzt. Künstler, Journalisten, Musiker und Autoren der alten Schule haben keine Chance mehr. Wer überleben will, muss permanent an seinem Internet-Image feilen, seine eigene Ich-Tag aufbauen. Das Microblogging Twitter ist ein gutes Beispiel dafür. Hier ist eine neue Elite im Begriff zu entstehen. Die Hierarchie zwischen Talent und Publikum beginnt das Amateurhafte wieder zu verdrängen.


Selbstmarketing im Internet, so oder ähnlich ist es.
Es wird notwendig, sich eine "Identität" im Internet zu errichten, auch wenn sie noch so spärlich sein möge. Bekannt ist seit längerem, dass einige Arbeitsgeber gezielt nach Bewerberinformationen im Internet suchen und im Allgemeinen scheinen sich die Lebensinhalte die sich speziell auf das Internet erstrecken auszuweiten.
Jede neue Anmeldung bei einer Community bringt neue Möglichkeiten, aber auch neue Gefahren und Probleme wie unkontrollierte Datenverarbeitungen und Notwendigkeit zur Mindestpflege des Ganzen.
So verwaist ein von mir angelegter MySpace-Account mittlerweile vor sich hin.


Und eine der besten Einschübe Keens:
Aber ich verkaufe wenigstens das Internet nicht als die große Demokratisierung.

Viele, u.a. auch Politik- und Medienwissenschaftler - ich denke hier nur an Miriam Meckel - vermitteln in Beiträgen manchmal den Eindruck, das Internet sei eine große Demokratisierungsmaschine angetrieben durch Partizipation der Vielen.
Das ist es meines Erachtens nicht.
Durch die Fülle an Informationen, die ständig weiter wächst, ist man als Mensch mit einer Durchschnittsfreizeit von acht Stunden pro Tag auf Ordnungsakteure, Vermittler oder Intermediäre, angewiesen.
Ein solcher ist zweifellos Google, was u.a. ein Baustein zur Erklärung der Popularität sein dürfte.
Indem erneut nolens volens eine weitere Mittlerebene zwischen - theoretisch unvermittelt gegenüberstehenden - Sendern und Empfänger geschaffen wird bzw. durch User- und Nutzerzahleaggreation zu existieren beginnt, kann von einer "idealen" durchgreifenden "Demokratisierung" nur bedingt gesprochen werden: Alte Herrschaftsvermittlungsstrukturen lösen sich online entweder auf oder verlieren an Einfluss (Zeitungen und Magazine) oder wandeln sich. Neue entstehen.


Die Richtigkeit der Aussage Keens, das Internet sei noch immer mangelhaft zu kommerzialisieren, lässt sich nicht zuletzt an eben genannten Zeitungen und deren Problemen ablesen.
Wenige Communities verdienen kostendeckend Geld, die meisten Werbeeinnahmen verhelfen kaum in die Gewinnzone. So ist mir das "Web2.0"-Beispiel Youtube.com geläufig, das für Google einen Verlust erzielte.