Freitag, 19. Februar 2010

#Helene #Hegemann und die überfällige Diskussion des #Urheberrechts

Zum ersten Mal las ich von Helene Hegemann und den Plagiats-Vorwürfen überblicksweise in einem Artikel auf FAZ.NET.

Da man selbst gerne schreibt und ab und an wissenschaftliche Artikel und Arbeiten schreiben und lesen darf, war ich zunächst überrascht ob der Vorwüfe und gerade der Dimension, welche das Thema hatte und noch bekommen sollte.
Da soll eine 17-jährige "Jungautorin" einen Roman, "Axolotl Roadkill", in Teilen von anderen Autoren abgeschrieben, deren Werke einfließen lassen und keine Quellen offen gelegt haben.
Ist dies im Wissenschaftsbetrieb nachweisbar, verliert man nicht nur an Reputation, wie Jürgen Graf auf ZEITOnline später schreiben sollte, sondern auch die Anstellung bzw. alle bisherigen Prüfungsleistungen als Studierender. Dies kann sogar zur Exmatrikulation führen.

Ein zweiter verbundener Themenkomplex ist das gesellschaftlich normierte Verwertungsrecht, was im Urheberrechtsgesetz und dem "Schutz des geistigen Eigentums" zum Ausdruck kommt.
Verwertungs- und Produktionsinteresse, wie schon im Zusammenhange mit Castingshows erneut kritisiert.
Befürworter argumentieren, die Künstler müssten von ihren geistigen Errungenschaften und deren Veräußerung/Kopien "leben", also zum Ressourcen- und Wartentausch in unserer Gesellschaft befähgt werden.
Abgesehen davon, dass das wiederum nur durch Marktinstrumente und -prozesse gesteuert wird und durch den Mediencharakter des Geldes ein ungleicher Tausch möglich wird, ist der "Wert" eines Stücks oder Textes bestenfalls ex-post und durch andere Menschen bestimmbar.

Viel wichtiger als dieser Komplex aber die grundlegende Frage eines Copyrights als eine von sozialen Prozessen abgelöste und ablösbare Produktionsform.
Denn etwas innergesellschaftliches, aus der Gesellschaft und deren Interaktion selbst heraus geborenes verkaufen zu wollen wäre zwar möglich.
Für alles lassen sich prinzipiell Preise finden - und wenn eine eigens dafür eingerichtete Komission tätig wird, so Märkte versagen.
Allerdings erfolgte die Honoration des Werkes, also der anerkannten "individuellen Leistung" nur für eine Person und deren Fähigkeit, soziale Interaktion zu erkennen und für ihre Zwecke zu monopolisieren.

Philosophisch gesehen ist die Diskussion noch interessanter, schließlich kann man eben diesen gesellschaftlichen Zirkel als ursächlich und unmöglich für eine urheberrechtliche Monopolisierung verstehen.
Wenn Menschen die Welt erst durch andere Menschen, mithin Sozialisation erfassen und in ihrer Vielfalt begreifen und später für sich nutzbar machen können, kann ein menschlicher Schaffensprozess auch nicht davon unabhänig betrachtet werden.
Das hiesse, dass jegliche menschliche Entäußerung nicht nur schon einmal getätigt wurde, sondern geradezu essenziell für weitere und auch diese gerade hier geschriebenen wäre.
Damit könnte kein Mensch für eigene Gedanken ein Urheberrecht beanspruchen.

Aus diesem Blickwinkel müsste sich auch Helene Hegemann oder andere wie Thomas Mann nicht des plagierens oder auch der "Montagekunst" zichtigen lassen.
Es wäre geradezu eine Notwendigkeit.
Und der Tod für jegliches Copyright und Verwertung menschlicher Gedanken und künstlerischer Prozesse.

Erinnert mich am Rande auch an den, u.a. marxistischen, "Entfremdungsbegriff" des Menschen von seiner Arbeit bzw. dem resultierenden Produkt, wofür er "bezahlt" wird. Quasi eine Art "Ablasshandel". Beides ermöglicht nach heutiger Lesart die Entwicklung einer Gesellschaft und moderne Arbeitsteilung und Fortschritt.
Das allein ist noch wenig kritikwürdig, könnte man daraus auch ein Überdenken der allzu restriktiven Verfolgungen von Urheberrechtsverstößen schließen.

Schnell war in der "Causa Hegemann" auch von der "neuen Umgangsart" der vermeindlichen "Jugend" mit Eigentum, gerade dessen virtueller Umsetzung, die Rede.
So war der Wortzusammenhang "Copy&Past-Generation" fast ein Schimpfwort und emanzipatorisch-revolutionärer Aufruf zugleich.
Eine Generation, so hiess es, die wie keine andere mit dem Internet augewachsen sei und seine "Potenziale" ausreizen und nutzen könne; mithin die "Digital natives" statt "digital immigrants".
Nebst solcher ob ihrer Unbedeutung grotesk anmutenden Kunstworte ist genau diese latent positive Haltung fehl am Platze.
Eine Haltung einer Gesellschaft, in der etwas in Bewegung ist und die sich selbst nicht sicher ist, was "Eigentum" und "Urheberrecht" sein kann und soll.

Da gibt es die leidige Diskussion der "Biopatente".

Wissenschaftler entdecken Gene, Proteine oder andere organismische Strukturen des menschlichen Körpers, modifizieren sie, bringen sie zur Anwendung oder melden einfach die Entdeckung zum Patent an.
Ein Patent über etwas, das sie nicht schufen.
Über etwas, das modifiziert oder unmodifiziert Leben retten oder beenden kann und damit einen "höheren" als den rein individuellen Verwertungsnutzen widerspiegelt.
Diese Patente könnten eine Menge Geld und Reputation einbringen, sie zuzulassen aber Wissenschaft und Medizin weiter monopolisieren und Fortschritt um Jahre zurückwerfen, mindestens behindern.

In diese Gesellschaft setzt also die 17-jährige Hegemann ihren Roman, der zunächst übereuphorisch ob seiner Härte, klaren Worte und offener Brutalität gefeiert wird.
Als ich gestern Rezensionen des Buchversenders Amazon, sind auf der ersten Seite überwiegend negativ geschrieben und im Kern genauso wertlos wie die feuilletonistischen Einlassungen ohne Eigenlektüre des Buches, sah, wollte ich mir ja schon fast ein Exemplar bestellen.
Man liest die Verachtung der Bewertenden auch auf den Literaturbetrieb heraus.
Auch mir kam der Gedenke der Heuchelei: Als hätte nur Hegemann abgeschrieben.
Bestätigt wurde dies fundiert von Grafs Artikel, indem er von Goethe, Mann und Brecht schrieb.
Schriebe ich morgen ein Buch, so könnte ich auch nicht jedes Zitat oder jede Einlassung, welche ich von einem anderen Menschen hörte oder las in diesem belegen.
Der entscheidende Unterschied für die Basis der Zumessung einer Urheberrechtsverletzung ist der Übergang von der Sprache zum (geschriebenen) Wort. Und zwar eines Wortes, das geschützt wird.
Niemand käme auf den Gedanken einen "Wert" eines Gedankens oder Wortes aus einem gemeinsamen Gespräch einzuklagen, nur oder gerade weil jemand durch die Verwertung, Produktion eines verkaufbaren und verkauften Werkes, einen individuellen Nutzen erzielt.

Gerade das wäre auch fragwürdig, ginge man doch davon aus, dass ebendiese Worte von jedem genutzt werden können.
Und durch die Veröffentlichung soll dies plötzlich anders sein.
Hierbei entsteht etwas rein künstliches, wofür es so keine (natürliche) gesellschaftliche Grunlage gibt.
Alle guten und fortschrittlichen Dinge, aus denen wiederum neues und verwertbares entsteht, sind doch so bedingt.

Hegemanns Auftritt bei Harald Schmidt war auch nicht so schlecht, wie von einigen selbst ernannten Kritikern per Yotube-Kommentarfunktion eingeschätzt.
Nachdenklich und für eine 17jährige erfreulich "reif" parlierte sie angeregt mit Schmidt und parierte auch zwei pikante Anwürfe, da sie nicht wisse, was in ihrem Buch stünde und sie es doch einmal lesen solle. Sie selbst allerdings kokettierte vor Schmidt damit, dass sie sich nicht an alles erinnern könne, schließlich sei nicht alles von ihr und andere könnten fragliche Passagen verfasst haben.
Weidermanns Appell in der FAZ, nochmals "von vorne" anzufangen, geht allerdings fehl.
Das "Problem", gerade des Urheberrechts und dessen Reichweite ist in der Welt und Diskussion.
Die Piratenpartei diskutiert es seit langem, während andere Parteien eher legislatieren und exekutieren, statt zu erklären und gesellschaftliche Interessen und Standpunkte offenzulegen.

Donnerstag, 18. Februar 2010

#FDP und #Leistungsgerechtigkeit zum pol. #Aschermittwoch

Eigentlich wollte ich meinen Beitrag zum politischen Aschermittwoch vom 17. Februar 2010 mit der Besprechung der Definition und des Inhalts der "Leistungsgerechtigkeit", und weshalb diese sinnfrei und theoretisch fragwürdig ist, zubringen.

Doch stelle ich eine Beobachtung, bzw. einen Eindruck voran, den ich so ausgeprägt zumindest meiner Erinnerung nach im letzten Jahr nicht hatte.
Als Sarah Wagenknecht und Klaus Ernst (beide LINKE) heute Nachmittag bei Phoenix mit ihren Reden übertragen wurden, kam mir bei der Formulierung, Menschen würden "ausgesaugt", Vergleiche zu Propaganda der Nationalsozialisten vor und während 1933-1949 vor Ohren/Augen.
Nicht, dass es intendiert gewesen ist, oder der Vergleich eine 100%-ige Kongruenz in Ziel und Inhalt hervorbrächte.
Doch ist das "Aussaugen" der "normalen Menschen" durch externe Entitäten oder böse, egoistische und unbeeinflussbare Gebilde auch damals leidlich benutzt worden.
Natürlich nahm ich nicht an, die Verwendung solcher Polemiken sei auf die LINKE begründet und zum Beweis fand ich eben auf SPIEGELOnline einen Artikel mit Zitaten der liberalen Veranstaltung.
Hier finden sich Formulierungen wie "Es ist doch unerträglich, wie der Staat die Menschen aussaugt."
eines Herrn Härig. Die Stoßrichtungen unterscheiden sich zwar: Die LINKE zielt auf Unternehmer, Kapitalisten als quasi-diktatorisch-egoistische und nicht kontrollierte und außerhalb des Gemeinwohl stehende Entitäten welche den Staat und die "normalen Bürger" am liebsten Schröpfen möchten um ihren Gewinn auf deren Kosten zu maximieren; die FDP kritisiert "den Staat" als Zusammenfassung aller dirigistischen Eingriffe in das privat(wirtschaftliche) Leben.

"Ausgesogen" werden bei beiden "Extrema" des demokratischen Parteienspektrums also immer "Menschen".
Je drastischer die Sprache, desto besser decken die "Ränder" des demokratischen Parteiensystems auch "radikalere" Kräfte auf der linken und rechten Seite ab, könnte man positiv entgegen halten.
Denn das Wort "aussaugen" könnte man so sicher auch in einer Pressemitteilung der NPD lesen, die dann wiederum die "Enttabuisierung" eines bisher durch ebendiese Parteien vorgeblich verschwiegene Thema für sich motivierend in Anspruch nähme.
Doch ist das "Aussaugen" durch irgendjemanden an sich negativ; bei der LINKEn durch die Unternehmer welche eine Gesellschaft zur Güterproduktion und damit Bedürfnisbefriedigung auf die eine oder andere Weise benötigt. Die FDP kritisiert "den Staat" als solchen und trägt damit nicht unbedingt zu einem positiven, partizipativen Staatsverständnis bei.

Nun liegt es mir zwar fern, beides inhaltlich zu bewerten.

Allerdings sehe ich die Kritik der FDP als "schwerwiegender" an.

Was "den Staat" betrifft, so ist er im Kern demokratisch aufgebaut; es existiert mindestens eine Gewaltenteilung und demokratisch-legitimierte Pfadabhänigkeit einzelner Ebenen.
So kann man jede Behörde bspw. als "der Exekutive" unterstellt betrachten und damit der letzten, höchsten Exekutive auf bspw. Bundesebene, der Bundesregierung.
Diese wiederum wurde demokratisch gewählt und kann für Versäumnisse und Probleme in eben ihrem Bereich direkt verantwortlich gemacht werden: Durch Parlamentswahlen, die indirekt auch die Wahl der Bundesregierung bedingen bzw. beeinflussen.
In Unternehmen sieht dies allerdings anders aus.
Zwar gibt es Arbeitnehmermitbestimmung und für gewisse Unternehmen weitreichende Transparenzregelungen, vorallem bei Inintial Public Offerings (IPO) und im Prime und abgestuft im Entry Standard an Deutschen Börsen.
Die allermeisten allerdings verfügen nur über genannte Arbeitnehmermitbestimmung und selbst diese ist zuweilen äußerst rudimentär, sodass entweder gar keine oder korrupte Betriebsräte durchaus mächtigen Unternehmern gegenüber stehen.

Und genau hier ist es "der Staat", der zwar keine radikale Form der Demokratie in die Unternehmen trägt, weil wir in einer Wirtschaft mit Privateigentum leben.
Selbst durch Anteil der Angestellten erwirtschaftetes und Gewinne des Unternehmens werden "nur" durch Löhne vergolten, welche durch Arbeitnehmer in klassischen Interessenvertretungsorganisationen, Gewerkschaften, erkämpft werden müssen. Diese wiederum werden auch vom Staat garantiert und für freie Ausübung im Rahmen der Gesetze gesorgt.
Allerdings fehlt in Unternehmen oben genannte Verantwortlichkeit und deren Verortbarkeit.
Selbt ein Unternehmen in Aktienbesitz kann untergehen, weil nicht alle Verantwortlichkeiten direkt ersehen oder benannt werden können/dürfen. Dafür sollten Aufsichtsräte zuständig sein, doch geschieht das nicht immer zeitnah, so bspw. bei Karstadt-Quelle, später Arcandor.

Dieser "garantierende Staat" wird von der FDP nun als überbordendes Bürokratiemonster kritisiert und zur Reduktion freigegeben.
Dass dabei nicht zuletzt Arbeitnehmerrechte in Bedrängnis kommen können, sollte bedacht werden.
Angesichts im Unternehmen im Gegensatz zum Staat in ungleich geringerem Maße nachvollziehbaren demokratischen Strukturen, die gewollt sind, ist der Vergleich und die Stoßrichtung der FDP meiner Auffassung nach "schwerwiegender".


Nun aber zum eigentlichen Beitrag.

Guido Westerwelle (FDP) äußerte heute einen Satz, den ich bereits am Nachmittag kommentierend twittern "musste":
"Man muss schon wirklich linksradikal sein, wenn Leistungsgerechtigkeit als rechtsradikal gilt".
Im Original meine ich mich übrigens an die Formulierung "linksextrem" statt "linksradikal" erinnern zu können.
Eine zunächst schöne Übertreibung ohne inhaltliche Stoßrichtung vergessen zu lassen, meint man.Alternativ äußerte er noch, es sei dann bald eine "sozialistische Diskussion".

"Leistungsgerechtigkeit" ist etwas sehr relatives.
Wie die Demokratie, so ein geflügeltes Wort, lebt sie von Voraussetzungen, die zu schaffen sie selbst nicht in der Lage ist.

Um eine gesellschaftliche Steuerung, mithin "Kontrolle" oder "Selbstkontrolle" auf Basis einer "Leistung" ablaufen zu lassen, benötigt man Kategorien und Bewertungsmaßstäbe.
Maßstäbe, die eine "Leistung" mess- und bewertbar machen.
Das sollen die privatwirtschaftlich organisierten Märkte ermöglichen und sichern. Hier treffen sich egoistische, interessengeleitete Individuen und gleichen sich untereinander aus.
Der Preis für ein Gut, eine Ware oder Arbeitszeit soll dann das Maß einer "Leistung" sein.
Das ist bequem. Und billig.
Denn im Kern gibt es keinen sinnvollen Bewertungsansatz einer menschlichen Leistung, außer dem, was Menschen ihm als "Wert" selbst beimessen.
Das liegt daran, dass es eben KEINE externe Entität gibt, die Moral oder Wert vorgibt oder sanktioniert.
Das Problem ist, dass Märkte aus sich heraus und immanent ungleich und dysfunktional sind.
Diese Dysfunktionen werden als "tolerabel" akzeptiert, Fehlsteuerungen und Marktballungen sollen ggf. durch "den Staat" beseitigt werden.
Der Preis also ist ebenso kein externes, von den Bedingungen seines Entstehens losgelöstes Medium, sondern wird mithin gerade durch diese in großem Ausmaß geprägt. So kommen Abhänigkeiten und einseitige Kapitalballungen zwar deutlicher ins Sichtfeld von interessierten und informationszugängigen Menschen, doch wird ihnen auch nicht unabhängig, sondern wiederum durch etwas gesellschaftlich in Interessenkonkurrenz geschaffenes, abgeholfen. Was wiederum von den Bedingungen abhängt.

Die Befürworter der Marktgesellschaft muten mir manchmal messianistisch an, ein übergeordnetes, quasi religiöses Ziel habend. Gleichwohl sieht es von anderer Seite nicht viel anders aus.

Im Kern entscheiden also einzig Menschen über den Wert einer Sache, eines Gutes und einer menschlichen Leistung durch Arbeit.
In der Marktgesellschaft haben sinnvollerweise nur mehr Menschen optionalen Zugang zu dieser Bewertung, nicht zwingend zur Bestimmung der Kategorien selbst. Dies kann bestenfalls "der Staat" leisten und dieser wiederum ist auch "nur" Ausfluss oben bereits angedeuteter Interessenkollisionen.

Damit fehlt der "Leistungsgesellschaft" und/oder "Leistungsgerechtigkeit" ein übergeordneter, von allen gleichsam zu akzeptierender Maßstab.
Ersetzt wird dieses durch einen oktroyierten Markt.

Der "Leistungsgerechtigkeit" fehlt aber noch etwas anderes, ganz entscheidendes: Die Grundlage der Teilnehmer bzw. der Bewerteten und Kategorisierten.

Die objektive und damit sinnvolle Bewertung einer Leistung zweier unterschiedlicher Menschen kann nur dann sinnvoll und folgenreich erfolgen, wenn sie auf zumindest gleicher Basis der Erbringung erfolgt.
Das heisst, dass die individuelle Leistung durchaus unterschiedlich ist und sein darf. Die Basis zur Erbringung aber muss zwingend gleich sein, sonst tradieren sich die Nachteile in die Leistung hinein und es wird "doppelt bestraft". Daran kann aber in einem sinnvollen Verständnis einer "LeistungsGERECHTIGKEIT" nicht gelegen sein, sondern die "Besten" aufgrund ihrer situativ erbrachten Leistung zu filtern, bewerten und Ämter sowie Ressourcen, bspw. Finanzmittel, auszuwählen und zu begütern.

Doch sind die Voraussetzungen zur Leistungserbringung und damit folgerichtet die Bewertung derselben eben nicht gerecht oder ansatzweise "gleich".

Dies wird bereits beim einfachsten, offensichtlichsten und bedrängensten Beispiel deutlich: Bildung.
Folgt man dem logischen Pfad einmal von der höchsten Bewertung, der höchsten gesellschaftlichen Position und deren Vergütung rückwärts, so summieren sich Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, für die das Individuum nicht immer, in einigen Fällen sogar gar nichts, kann. Und damit auch nicht dafür bestraft werden darf, weil es die resultierende mangelnde Leistung nicht durch mangelnde eigene Leistungsbereitschaft oder individuelle Fertigkeiten zu verantworten hat.

Die eigene Bildung und der Zugang zu dieser ist, nicht zuletzt erwiesen durch PISA- und OECD-Studien, in hohem Maße vom Elternhaus und elterlicher Bildung abhänig.
Das heisst, dass der Zufall oder die "Gnade" der Geburt bereits teilweise für den späteren Bildungserfolg verantwortlich zeichnet. Doch dafür kann das Individuum nicht.
Hat es also durch eine andere, motivational schlechtere, zusätzlich eventuell noch sozioökonomisch schlechter situatierte Familiensituation schlechteren Zugang zu und Motivation in der Bildung, so wird ihm eine Ungerechtigkeit aufgezwungen, die es aus sich heraus auch zunächst längere Zeit nicht beseitigen kann. Ihm sind die Grundlagen dieser Ungerechtigkeit schlicht unklar, es interessiert sich in jungen Jahren nicht oder kaum dafür und hätte im gegenteiligen Falle auch wenig Handlungschancen.
Was nichts am grundsätzlich negativen Fakt ändert.

Das gilt natürlich ebenso für besonders begüterte Familien, die ihren manchmal nicht so intelligenten Nachwuchs trotzdem auf Gymnasien oder weiterführende Schulformen schicken können und damit gewisse individuelle Nachteile durch ein höheres (finanzielles) Engagement kompensieren können.
Das ist, wie die FDP manchmal suggerieren möchte, an sich nicht schlecht, Eltern können und sollen ihren Nachwuchs fördern.

Nur ist der Nachwuchs des ersten Gedankens vollkommen unverschuldet in quasi doppelt nachteiliger Situation dem zweiten gegenüber.

Dies tradiert sich natürlich, schließlich sollte der Bildungserfolg des ersten Kindes im Schnitt schlechter sein, als der des zweiten. Auf dem erreichten Bildungszertifikat, mit dem ein nicht geringer Aufwuchs an sozialer Erwartung und Bestärkung verbunden ist, basiert die spätere Chance auf einen Arbeitsplatz in unserer "Zertifikategesellschaft". Die positive Bestärkung, elterlicher Einfluss und der Bildungserfolg bedingen nicht nur den Zugang zum Arbeitsplatz, sondern auch die durch ihn erzielbaren Ressourcen: Nicht nur durch die durch die Gesellschaft ex ante bewertete, erwartbare individuelle Leistung in der (Güter- oder Dienstleistungs)Produktion, sondern auch durch die eigene Verwertung im Sinne positiver Vermarktung. Auch hier treten Nachteile unterer Ebenen auf oberen zusätzlich erschwerend in Aktion.

Eigentlich genügt schon diese eine vom Individuum nicht verursachte Ungerechtigkeit, um einem System einer "Leistungsgesellschaft" oder "Leistungsgerechtigkeit" Dysfunktionalität zu bescheinigen oder gar eine Absage zu erteilen.
Es geht, so scheint es, wieder einmal "nur" darum, die beste unter den vielen schlechten Optionen zu finden und anzuwenden.
So gesehen könnte man dem zustimmen, wenn - nach John Rawls - diese Regelung die Beste aller denk- und machbaren für die unteren und untersten Teile der Gesellschaft darstellte.
Wie man es dreht und wendet - es bleibt dysfunktional und ein Geschmäckle.


Da also Bewertung und Voraussetzungen für "Leistungsgerechtigkeit" und "Leistungsgesellschaft" in zumindest radikaler Form nicht gegeben, oder bestenfalls semioptimal vorhanden und umsetzbar sind, sind die durchgreifenden und radikalen Strukturprinzipien ohne anderweitige Steuerungen und Feinjustierungen abzulehnen.

Und wer sollte diese notwendigen Steuerungen vornehmen?
Der von der FDP so beredt kritisierte Staat.
Denn kostenlose Kindergarten- oder Bildungsangebote bereitstellen ist in diesem Duktus durchaus möglich, weil das marktlich - ein Ausfluss der fragwürdigen Kateoriebildung von "Leistung - nicht oder nicht optimal zu erzielen wäre.

Dienstag, 16. Februar 2010

#USIO - #Raab mit ordentlicher Figur in eigener Casting-Show

Kein Fan von so genannten "Castingshows" seiend, blieb ich heute auf ProSieben bei "Unser Star für Oslo" hängen.
Natürlich ist es eine "normale" Show, keine großartigen Neuerungen, nichts wegweisendes oder innovatives.
Doch hat Stefan Raab zumindest häufiger eine Nase für interessante Formate.

So sprach nicht zuletzt der Medienblogger Stefan Niggemeier vom "System Raab" (Gedankenzitat), welches von ihm auf ihn zugeschnitten sei.
So ist es nach TVTotal und Schlag den Raab auch in diesem Falle.

Mathias Opdenhövel ist ebenso vorhanden wie wechselnde Juroren, die an sich keinerlei Funktion erfüllen und wie es sich mir darstellt auch keine erfüllen sollen.
Zwar kann ich nur mit den Informationen der heutigen Sendung aufwarten, welche ich noch nicht einmal vollständig sah, doch kommt mir das alles schon sehr Raab-zentriert vor, der keine schlechte Figur macht.
Weil er kritisiert.
Und zwar positiv, vordergründig fundiert und nicht unter der Gürtellinie, wofür bspw. Dieter Bohlen in der RTL-Version "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) bekannt ist.
Raab mimt hier einen ruhigen, durchdachten, kritischen aber neutral-rationalen Bohlen.
Und genau hier punktet er.

An sich sollte Nena oder das Mitglied der Band "Fettes Brot" in etwa soviel Ahnung vom Geschäft und dem "Züchten" von "Superstars" haben, wie Stefan Raab.
Doch äußerten sich diese beiden fast ausschließlich emotional beteiligt, was nett aber wenig zielführend ist, da es um Verkäuft und Quote geht, oder einfach naiv und dumm.
Vorallem die sonst von mir durchaus geschätzte Nena fiel hierbei negativ auf.

Es kam mir teilweise so vor, als seien die anderen beiden Jury-Mitglieder vor der Sendung "gebrieft" worden, die "harte Kritik" Stefan Raab übrig zu lassen; er tut sich damit hervor.
Und das nicht einmal sehr klug oder dumm, sollte man doch davon ausgehen, dass er vom spezifischen Musik-Buisness nicht ausnehmend viel Ahnung hat.

Das passte auch zum "System Raab", genauso wie der Hintergrundkommentator der Einspieler, der mit dem aus TVTotal identisch ist und den "Wiedererkennungswert" sichert.
Opdenhövel und "Elton" hängen ihm ohnehin am produktiven Rockzipfel. Gerade die positive Profilierung des ersteren kam durch Raab enorm voran, war er bspw. mir sonst nur durch Späße in einem früheren Morgenmagazin entfernt geläufig.

Was Castingshows im Allgemeinen betrifft, so bringe ich gerne Verachtung zum Ausdruck.
Mir fehlen bei "Musik" im Allgemeinen sinnvolle Maßstäbe.
In allem, was Menschen tun, streben sie danach, sich mit anderen zu vergleichen und ggf. zum besseren zu arbeiten. Dies zieht sich schlussendlich gewollt oder ungewollt durch Beziehungen.

Wie aber soll man Musik "sinnvoll bewerten"?
Welche ist "besser" oder "schlechter"?
Gibt es dafür Kategorien und Maßstäbe?
Ja, möchte man einwenden: Anzahl der gehörten Titel, bspw. bei Diensten wie last.FM, Charts oder die Verkaufszahlen von Konzertkarten, Alben und Singles eines Künstlers.
Doch ist mir das zu wenig und sehr individuell.
Musik ist eine Expressionsform, die wie alle anderen zur Bewertung auch Maßstäben der Verwertung unterworfen wird, von denen sie nur teilweise abhänig ist.
Natürlich ist keine "moderne" Musik und kein ebensolches Konzert ohne kapitalistische Arbeitsteilung und "Konsum" denkbar.
Doch die gestalterische, ja schöpferische, "Kraft" - die Erschaffung mindestens eines Textes - unterliegt zumindest anfangs keiner Verwertungsorientierung und besitzt diese auch nicht als Bedingung, geht man von einer Künstler-Sozialisierung außerhalb dieses Kontextes aus.

Hernach kommt es zur Kommerzialisierung, Verbreitung und Verwertung.
Das Problem beginnt dort, wo die Verwertung zum Maßstab der Qualität wird.
Und genau so läuft es auch in genannten Castingshows.
In Ermangelung von geeigneten Kateogorien werden Menschen eingeladen, sogenannte "Juroren", die mal mehr oder weniger sinnvoll entweder Sangesauftritte, Kleidung, Stimme oder Bewegung des Kandiaten bewerten.
Damit prägen sie natürlich das Bild des Darstellers gegenüber dem Publikum und ggf. Fernsehzuschauern.
RTL bspw. nutzt dies um den "Bewerbern" ein Image zu verpassen - wenn Dieter Bohlen jemand elegant Kontra zu bieten vermag, polarisiert dies.
Und nichts ist wichtiger, als zu "bewegen", zu polarisieren und Menschen Projektionsflächen zu bieten.
Gute und schlechte.
Von Nena sollte man, angesichts ihrer spezifischen Berufszugehörigkeit, andere Einlassungen erwarten als getätigt werden.
Doch erwartet man im "System Raab" wie oben beschrieben ggf. zuviel und falsches.
Sicher besteht ein letzter Raum für tatsächlich dumme Äußerungen genannter Person, doch wären diese schon äußerst grotesk, geht es in solchen Shows doch nicht darum, einen "guten Menschen" zu finden, sondern einzig jemand vorzeigbaren, mit halbwegser Stimme, der sich gut verkaufen, also verwerten, lässt.
Und Leute wie Bohlen oder Raab sind in ihren eigenen Feldern eben gute Leute.

Anregend immer wieder, wie es vermocht wird, so vielen Bewerbern tatsächlich zu illusionieren, sie könnten einen der oder den begehrten Platz ergattern.
So bekommt die Verwertungsmaschinerie Futter und Selektionsmaterial, was sie sich sonst kostenträchtig suchen müsste.
Früher musste man Geld aufwenden um Künstler abgeschieden "zu entdecken".
Heute rennen sie die Studios großer Sender ein und begreifen dabei nicht, dass sie von vornherein keine Chance haben.
Nicht nur, weil sie sich selbst massiv überschätzen, sondern vorallem der schieren Menge wegen.
Dem werden die ganz wenigen tatsächlich ausgewählten natürlich vehement widersprechen.
Aber selbst diese zweifeln den Sinn und Nutzen dieser "Talentsuchen", wie ein Kandidat einer ehemaligen DSDS-Staffen, offen an.